Medienkompetenz ist soziale Kompetenz

Wieder einmal zerbrechen kluge Köpfe sich den ihrigen, Regeln aufzustellen für den Umgang, den Menschen miteinander pflegen.  Menschliches ist den Nutzern des Internets zwar schon lange vertraut, doch die technischen Verbindungen des Netzes entpuppen sich schließlich auch den Lordsiegelbewahrern des richtigen Lebens im Ungehobelten als soziale Bande. Nun gilt es, Etiketteverstöße dieses digitalen Menschelns anzugreifen. Wer besser als der Name Knigge stünde für ein Unterfangen, Rat zu bieten wider die Fallstricke des Sozialen Netzes? Wie sich herausstellt: Jeder mit einer Spur von Medienkompetenz.

Der 2005 als Marketingplattform für teilnehmende Benimmberater und -Autoren gegründete Knigge-Rat hat in einer Pressemitteilung „[…] die Forderung von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner nach neuen Verhaltensregeln im Netz aufgegriffen und einen Social-Media-Knigge erarbeitet.“ Das Ergebnis ist eine Katastrophe. Gleichzeitig ist es ein gutes Beispiel für die These, dass Medienkompetenz zu nicht geringen Teilen soziale Kompetenz ist. Für Umgangsformen gilt: Es gibt kaum „richtiges Benehmen„. Es gibt nur angemessenes Verhalten.

Ein 10-Punkte Kodex für das Leben im Internet?

Bei den Überschriften der vom Knigge-Rat formulierten Regeln bietet sich wenig Angriffsfläche. Der Allgemeinplatz ist ihr Zuhause. Die Ratschläge selbst bergen aber unangenehme Details:

1. Wählen Sie Ihre favorisierten Netzwerke sorgsam aus
Der Knigge-Rat rät an dieser Stelle unter anderem, die Vermischung von Beruf und Privatleben zu vermeiden. Das widerspricht ziemlich drastisch der Lebenswirklichkeit all jener Kreativer, die antreten, ihre Person als Marke zu etablieren. Obendrein gäbe es kaum etablierte Netzwerke, wenn sich die sogenannten early adopters an den Rat hielten, öfter mal die Füße still zu halten.

2. Bleiben Sie authentisch
Wenn der Knigge-Rat empfiehlt, keine „fiktive Identität“ aufzubauen, beweist er einen beachtenswerten Mangel an kohärentem Denken. Potentielle Arbeitgeber sollen kein „unstimmiges Bild“ von mir im Internet finden können? Welchen besseren Schutz vor deren Googelei gibt es denn, als den einer fiktiven Identität? Es ist ja nicht so, als würden Menschen offline in jedem Kontext das gleiche Bild abgeben. Laurenz-Günther von Matterhorn, alias Gongmaster L, ist in seiner Rolle als vertrauenswürdiger Anlageberater sicher weniger für seine Fähigkeiten des Bierkonsums mittels Trichter und Schlauch bekannt als bei seinen Freunden aus dem Hockeyclub.

3. Meiden Sie plumpe Vertraulichkeiten
Ihre Kunden wollen von Ihnen nicht als „Freunde“ bezeichnet werden? Wer auf Facebook geschäftliche Kontakte knüpft, wird sich wohl damit abfinden müssen. Selbst Ilse Aigner dürfte den Unterschied von Facebookfreunden zu Vertrauenspersonen gekannt haben, als sie sich noch vom Netzwerk duzen ließ. Das größte und momentan wichtigste Netzwerk, auf dem sich tatsächlich auch internationale Kontakte finden lassen, wird so manchem Netizen, einer jungen Akademikerin oder dem selbständigen Hausmann allerdings standardmäßig für Kommunikation jeder Art dienen. Wie bereits für Regel 1 angesprochen: Beruf und Privatleben sind für eine wachsende Bevölkerungsschicht nicht völlig zu trennen.

4. Lehnen Sie unerwünschte Anfragen ab
„Vorsicht ist insbesondere vor jenen geboten, die virtuelle Kontakte wie Trophäen sammeln.“ Warum kann es der Knigge-Rat nicht bei dem tatsächlich sinnvollen Hinweis belassen, dass man nicht jede Anfrage positiv bescheiden muss? Statt dessen werden den Verfassern unbekannte Lebenswirklichkeiten als minderwertig abgekanzelt, wie die „Wilden“ weiland von den Kolonialstaaten. Der Europäer wusste schon immer, was gutes Benehmen ist. Obendrein war er sich nie zu schade, seine Weisheit in alle Ecken der Welt zu exportieren.

5. Belästigen Sie Ihre Kontakte nicht
„Wenn Sie ihre Kontakte nur auf spielerische Anfragen beschränken, werden Sie schnell ignoriert.“ Zum Glück gibt es unter den Facebooknutzern noch andere, als die der Provenienz des Knigge-Rates. Solche, die gelassen und medienerfahren genug sind, die nervenden Farmvillemeldungen, mit denen viele Kontakte anscheinend wirklich einen Mehrwert verbinden, schlicht auszublenden. Dafür gibt es sogar technische Lösungen.

6. Bleiben Sie freundlich
Freundlichkeit ist immer gut, womöglich wünschenswerter als Höflichkeit. Duzen und siezen ist übrigens eine Konvention, die immer mal wieder dem Wandel der Zeit unterliegt, schließlich ihrzen wir nur noch zu sehr speziellen Gelegenheiten. Aber so lange sich das Internet-Du nicht als Standardanrede für alle Gelegenheiten durchgesetzt hat, ist es vermutlich wirklich ein sicheres Zeichen von Höflichkeit, unbekannte Personen auch im Netz zu siezen.

7. Reagieren Sie humorvoll
Oder auch nicht. Je nachdem, auf welchem Allgemeinplatz der Knigge-Rat sich gerade aufhält. „Löschen Sie keine unbequemen Einträge von Ihrer Pinwand, denn Zensuren sind den meisten Menschen suspekt.“ Man sollte sich diesen Rat merken, bevor man Schulnoten verteilt für Menschen, die Infrastrukturen für die Beschneidung der Meinungsfreiheit befürworten.

8. Halten Sie den Dialog lebendig
Regelmäßigkeit muss sein. Wenn das der Schirrmacher hört. Oder ist einmal pro Woche Facebook noch kein Schritt ins Verderben? Wie dem auch sei, die Häufigkeit der Updates richtet sich bei den meisten Netzwerkern schlicht danach, für welche Zwecke sie das Kommunikationswerkzeug nutzen. Es soll sogar Leute geben, die im Urlaub kein Internet haben.

9. Behalten Sie den Weitblick
„Das Internet vergisst nie. […] Löschen Sie lieber direkt impulsive Einträge, die Ihnen selbst oder anderen schaden könnten.“ Das Internet vergisst womöglich nicht einmal, dass der Knigge-Rat empfiehlt, keine unbequemen Einträge von der eigenen Pinnwand zu löschen. Vielleicht sind Selbstzensuren aber gutes Benehmen. Nur über andere Menschen sollte man nicht vorschnell richten, auch wenn es schwer fällt, jeder Aussage erst einmal zu unterstellen, dass sie kohärentem Denken entspringe. Speziell im Internet.

10. Schließen Sie Trolle aus
Das ist mal ein guter Rat.

Regeln, wie Ilse Aigner sie sich vielleicht gewünscht haben mag, sind nicht einfach ein Fall von „Sie haben das Internet nicht verstanden.“ Regeln, die so drastisch an der Lebenswirklichkeit der betroffenen Menschen vorbeigehen, zeigen, dass es ihren Urhebern an der Höflichkeit gebricht, sich mit anderen Menschen auf Augenhöhe auseinander zu setzen. Sie sind ein Fall von „Sie wollen die Menschen nicht verstehen.“ Denn Medienkompetenz, die zu vermitteln mit zunehmender Bedeutung moderner Medien notwendiger denn je ist, bedeutet mehr als den sorgsamen Umgang mit Schaltknöpfen auf Facebook. Schon vor der Erfindung des Internets galt: Medienkompetenz ist soziale Kompetenz.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • Christopher sagt:

    Gute Tipps. Ich denke: jeder soll seine Ideen mit Leidenschaft im Netz verbreiten und die oben genannten Regeln befolgen. Da kommt man sicherlich ans Ziel an und bildet dabei eine ziemlich große Netzwerk-Familie.
    Das Networking wird immer relevanter. Und das ist auch gut so.

    • erz sagt:

      Angesichts dieses fulminanten non sequiturs auf einen Artikel, der sich anschickt den Unsinn eben jener genannten Regeln zu entblößen, bin ich doch geneigt zu staunen. Zu zweifeln gar an der Ernsthaftigkeit eines Kommentatoren, dem zu unterstellen, er habe den Text gelesen mir schwer fällt. Kommt so was beim speed reading heraus oder handelt es sich nur um ein Mißverständnis meinerseits?



  • Über uns

    Die Kontextschmiede ist eine Plattform für junge Autoren, auf der ein breites Spektrum von gesellschaftlich relevanten Themen abgedeckt wird. Die Beiträge sollen Zusammenhänge, Hintergründe und Analysen bieten und Inhalte stets in einen Kontext einbetten, der neue Perspektiven eröffnet.

↑ Springe zum Seitenanfang

An der Technik der Kontextschmiede wird beständig gefeilt. Für Fehler bitten wir um Nachsicht. © Kontextschmiede