Medienkunst. Medien-Art. Sound-Art: Ein Interview mit Lilian Beidler

Und noch mal… Medienkunst. Medien-Art. Sound-Art… name dropping für die Begriffe, die Nutzer virtueller Suchmaschinen möglicherweise mit diesem Interview verbinden. Die Suche nach Informationen zu diesem Thema könnte einige Leserinnen und Leser jetzt zwar erfolgreich zu diesem Text führen, aber noch nicht die Erfahrung bieten, die man mit dem Thema Medienkunst gern verbunden hätte. Solche Erfahrung konnte man während der „interface“ – Tage am Forum Freies Theater (FFT) in Düsseldorf am Wochenende von 21 bis 22 Januar 2011 machen.

Was ist das Neue an Medienkunst? Wie ändert sich die Beziehung zwischen Mensch und Werk, wenn verschiedenen Medien gleichzeitig im Spiel sind? Die Beziehung zwischen dem Schaffenden und dem Geschaffenen, sowie zwischen dem Werk und dem Betrachter ist ein Prozess von dialektischer Dynamik. Auf diese Weise wird das Kunstwerk als ein Ganzes gesehen, das aus dem Künstler, dem Objekt und dem Betrachter besteht. Was be-zieht sich zu was? Und wer ist der Hin-gezogene? Peter Sloterdijk sagte: „Der Künstler und Erotiker lebt unter dem Eindruck, dass eher die Dinge etwas von ihm wollen als er von ihnen, und dass sie es sind, die ihn in das Abenteuer der Erfahrung verwickeln.“

Um diesen Fragen näher zu kommen, sprach ich mit Klangkünstlerin Lilian Beidler.

M.H. Hallo Lilian, bist du gut in Bern angekommen?

L. B. Ja. Die Reise ist recht entspannt und gemütlich.

Du warst vor wenigen Tagen in Düsseldorf. Dort hast Du in einer Werkstatt für experimentelle Klang-Kunst ,’interface,‘ beim Forum-Freies-Theater (FFT) mitgewirkt. Wie ist der Eindruck von diesen Tagen, der dir geblieben ist?

Ein spannendes Format, das mindestens für mich persönlich sehr bereichernd war. Ich sehe meine Auswahl als Beitrag an meine künstlerische Entwicklung. Die Vernetzung und der Kontakt zu den Mentoren, den Leuten vom FFT und den anderen Teilnehmenden war natürlich ideal. Gerade in meinem Beruf bin ich auch oft alleine am Arbeiten und daher ist Austausch sehr willkommen. Die ganze Woche war sehr gut organisiert, was auch sehr zu meinem Wohlbefinden beigetragen hat.

In Deiner letzten Installation bei der „Interface“ in Düsseldorf hast Du mit verschiedenen Arten von Sensoren gearbeitet, die Du in die Performance zum Einfangen von Signalen integriertest. Welche Möglichkeiten siehst du in der Anwendung von Sensoren?

Lilian Beidler bei der Interface in Düsseldorf (Foto: Oliver Paul)

Der Segen ist zugleich der Fluch: Es gibt eine fast unendlich grosse Menge an Möglichkeiten, wie Sensoren eingesetzt werden können. Sie widerspiegeln sehr deutlich eines der grössten Probleme elektronischer Musik: Wie steuere ich Klänge, die nicht mehr notwendigerweise nach einer körperlichen Steuerung verlangen? Und falls ich mich entscheide, sie physisch zu steuern: Welche Notwendigkeit gibt es für bestimmte Bewegungen? Ich kann ein und denselben elektronischen Klang sowohl mit einem Lichtsensor wie mit der Computertastatur steuern, aber auch mit einem Fader Controller oder einem Keyboard. Warum also entscheide ich mich für den Feuchtigkeitssensor? Ein Sensor interessiert mich als ein Medium, das neben seiner Funktion als Interface mir mit seinen Eigenheiten auch inhaltliche Vorgaben für ein Werk macht. Ein Sensor hat also eine eigene Seele und führt lange nicht nur Befehle aus.

Du arbeitest an multimedialen Projekten – Raum, Zeit, Objekte, Klang, Licht und Farbe werden oftmals bei Dir in einer Installation oder einer Performance vereint. Welche Bedeutung tragen für dich diese Elemente? Gibt es einen Aspekt, worauf du einen besonderen Wert legst?

Es gefällt mir, wenn ein Projekt multimedial in dem Sinne ist, dass es gezielt verschiedene menschliche Sinne anspricht bzw. bedient. Ich denke, eine grosse Errungenschaft der elektronsichen Medien unserer Zeit ist es, dass sie uns einen neuen Blick auf die menschliche Körperlichkeit ermöglichen. Wie am Beispiel der Sensoren sehr deutlich wird, sind mir beim Spielen meiner Instrumente keine konkreten und direkten bewegungstechnischen Vorgaben mehr gegeben, sondern ich muss sie mir dazu ersinnen. Da der menschliche Körper durch neue Medien verlängert, ausgedehnt und versuchsweise sogar ersetzt wird, bekommt er eine neue Bedeutung. Seine Zersetzbarkeit ist gleichermassen seine Modularität. Ein multimediales Projekt bedeutet für mich demnach im Idealfall, die auditive, visuelle, olfaktorische, gustatorische und taktile Ebene zu kombinieren und so den Menschen im Publikum als Ganzes anzusprechen. In der Praxis setzte ich das selten so umfassend um. Dennoch interessiert es mich, wie wir etwas wahrnehmen und warum und wie bestimmte Emotionen entstehen oder sich provozieren lassen.

In wie weit wird die Wahrnehmung des Betrachters in deine Projekte miteinbezogen? Entstehen deine Ideen primär in der Auseinandersetzung mit dem Medium, oder denkst du zuerst an eine Wirkung, die zu erzielen ist, und suchst erst dann das geeignete Medium?

Ich glaube, es kommt beides zusammen. Bei den Föhn-Arbeiten beispielsweise hat mich der Föhn als Medium interessiert, weil er so viele Konnotationen trägt und als musikalischer Klangerzeuger sehr spannend ist. Davon habe ich mich leiten lassen und versucht, eine präsentable Form für diese Faszination zu finden. Eine klare Trennung zwischen dem Werk und der Betrachterin gibt es für mich nicht. Das Werk entsteht erst durch die Betrachtung. Eine Performance, die nach dem althergebrachten Modell von Performer und Publikum funktioniert, aber auch eine Installation, erlangen ihre Einzigartigkeit erst genau durch die den Raum füllenden Leute, in diesem spezifischen Moment und unter den spezifischen Umständen. Dies beim Werkprozess nicht einzubeziehen wäre höchst un-medienkünstlerisch. Zudem will ich nicht Kunst für Kunst oder Kunst für mich machen. Für den Moment habe ich mich entschieden, mit Kunst mein Leben zu finanzieren und so wäre es absurd, bei der Produktion nicht an den Absatzmarkt zu denken. Was vielleicht etwas prosaisch-pragmatisch klingen mag, hat für mich den grossen Reiz, dass ich mir so einen Spielraum abstecke, in dem ich meine Ideen und Vorstellungen umsetze.

Wie ändert sich deiner Meinung nach der Bezug des Betrachters zu der Kunst, wenn er eine multimediale Performance dargestellt bekommt?

Vielleicht ist die Möglichkeit bei multimedialen Performances grösser, dass sich jemand, der keine Ahnung vom Thema hat, weniger schnell langweilt. – Ich mache die Erfahrung, dass auch Leute, die keinen Bezug zu Kunst haben, bei meinen Projekten einen Bezugspunkt finden. Das freut mich sehr, weil ich dann das Gefühl habe, dass die Werke auf verschiedenen Ebenen funktionieren. Das ist oft bei reaktiven Installationen der Fall. Wenn ein Kunstwerk den Spieltrieb wecken kann, hat es meist bereits ein Publikum gewonnen.

Während der Performance „smoke under water“ wurde die Rolle des Dirigenten von einem Raucher übernommen, der nur Pausen markiert und schließlich ganz die Kontrolle über das „Orchester“ verliert. Welchen Bezug entwickelst Du selbst zu deinen Kompositionen?

Die Einstellung zu meinen eigenen Kompositionen wandelt sich mit der Zeit. Das ist sehr spannend für mich. Während der Schaffensphase ist es oft sehr schwierig, mich von der Komposition zu distanzieren. Ich bin so verstrickt in Idee und Umsetzung und Ausführung, dass ich mich meist gar nicht davon lösen kann und an diesem Faden weiter spinnen muss. Wenn ich eine Komposition dann später betrachte, bin ich oft erstaunt und entdecke Eigenheiten oder Zusammenhänge, die mir während der Schaffensphase nicht aufgefallen sind oder, von denen ich glaube, sie nicht intendiert zu haben. In der Zwischenzeit schichten sich sowohl künstlerische wie auch persönliche Erfahrungen und Eindrücke über eine Komposition und verändern so deren Wahrnehmung mit der Zeit.

Wir haben darüber gesprochen, dass es für dich wichtig ist, den Menschen eine sinnliche Erfahrung bei der Wahrnehmung deiner Kunst zu bieten. Bei der Performance „pol air“ hast du mit Eis, Wasser und Wind gearbeitet. Dabei wurde das gefärbte Eis mit Hilfe des Windes zu Wasser, das seine Farbe änderte. Welche Rolle spielte für dich in dieser Installation der Betrachter? Wie lässt Du den Betrachter/Zuhörer an der Performance teilnehmen?

Bei diesem Stück geht es mir auch um eine physische Wahrnehmung von Sinneseindrücken. Das Publikum steht sehr nahe an den Haartrocknern, kann ihre Luft spüren, sie hören und riechen, vielleicht wird man sogar mit Wasser bespritzt, wenn der Eisblock tanzt. Das ist mir sehr wichtig bei dieser Performance, dass das Publikum in das Geschehen einbezogen wird, physisch, durch die Nähe zu den Objekten.

An welchem Projekt arbeitest Du gerade?

Ich arbeite an einer Klanginstallation für ein Bewegungs-/Tanz-Stück und an einem musikalischen Medienkunstprojekt mit Kindern. Zudem verfolge ich die Idee für eine Installation mit bewegten Lautsprechern und Mikrofonen.

Und noch eine letzte, persönliche Frage. Kannst Du von einer Erfahrung erzählen, die dich in deiner Lebensführung bzw. in dem Schaffensprozess auf Dauer stark beeinflusst hat?

Eine Erfahrung, DIE grosse Erfahrung? – Meist zeigt sich erst beim Schaffen, welche Erfahrungen für mich prägend und wichtig waren – und selbst dann bleibt es für mich oft ein Geheimnis.

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