Revolution im Land der fünf Trauben

Der Gault Millau Weinguide ist das Standardwerk für Weinfreunde in Deutschland. Das Wohl und Wehe der Winzer hängt von der „Bibel“, wie die Süddeutsche Zeitung über das Werk von Armin Diel und Joel Payne urteilte, ab. Spitzengüter erzittern, sobald sie zur Veröffentlichung im November erfahren, dass sie eine Trauben-Kategorie nach unten gerutscht sind. Kritik an der Allmacht des Weinführers gab es daher seit der Erstauflage im Jahr 1993. Nun hat ein Tropfen das sprichwörtliche (Wein-)Fass zum Überlaufen und die nach fünf Trauben geordnete Welt gehörig ins Wanken gebracht.
Aufgeschlagene Weinführer
14 Spitzenwinzer aus ganz Deutschland wollten sich nicht mit der neusten Marketingstrategie des Gault Millau abfinden. Mit 195 Euro können sich die Erzeuger an der Produktion des Werkes freiwillig beteiligen. Als Gegenleistung erhalten sie dafür zwei Belegexemplare, Urkunden und Aufkleber. „Unzulässige Verquickung von Marketing und Journalismus“, schrieen die Winzer auf und sorgten in einem offenen Brief an den Christian Verlag für die Palastrevolution im wohl sortierten Segment der Weinführer.

„Ein Rachefeldzug enttäuschter Erzeuger“, unkten die ersten Stimmen der vernetzten Weinwelt. Doch das war zu schnell geschossen. An der Spitze der „Rebellen-Bewegung“ steht nämlich mit dem Weingut Knipser ausgerechnet der Hersteller, der just in der aktuellen Ausgabe als Winzer des Jahres ausgezeichnet wurde. Auch die weiteren 13 Erstunterzeichner wurden vom Gault Millau in der Vergangenheit überwiegend positiv bewertet.

Was bewog die Winzergemeinschaft also, dem Ansinnen des Weinguides die rote Karte zu zeigen und in schroffer Form das Ende der Zusammenarbeit anzukündigen? Die Unabhängigkeit der Bewertungen sei gefährdet. Und wer könne den Winzern garantieren, dass sie noch im Gault Millau auftauchten, wenn sie die freiwillige Abgabe nicht leisteten. Argumente, die sicherlich eine Grundlage im Streit zwischen Verlag und Erzeugern darstellen, jedoch nicht die gesamte Wahrheit widerspiegeln.
Leere Weinflaschen
Zu beobachten ist dagegen, dass Chefredakteur und Herausgeber Armin Diel in Fachkreisen polarisierte wie kaum ein zweiter Weinexperte. Der Besitzer des Schlossgutes Diel an der Nahe wurde mancherorts nur noch als Weinpapst bezeichnet. Im Handstreichverfahren watschte Diel in der Vergangenheit ambitionierte Erzeuger ab und ließ auch keine Diskussionen über das Verkostungsverfahren im Gault Millau aufkommen. Es wurde nur mit offenen Etiketten geprobt. Favoriten und Außenseiter waren dadurch anscheinend schnell bestimmt. Winzer, die einmal vom Bannstrahl des Meisters von der Nahe getroffen wurden, mussten sich mit ihrem Los abfinden und schickten deswegen nur noch kleinste Probierpakete an die Redaktion. Lange verschlossene Weine, die erst nach einiger Zeit und mit gehörig Luft ihr wahres Potenzial entwickeln können, ließen eigenwillige Winzer wie Peter Jakob Kühn, Bernd Philippi und Gunther Künstler lieber gleich im heimischen Gut.

Armin Diel reagierte auf die Kritik am Christian Verlag auf seine Weise. Tief getroffen verkündete er seinen Rückzug und möchte mit seinem „Kind“, dem Gault Millau, nichts mehr zu tun haben. Nun stellt sich jedoch die Frage, ob die rebellischen Winzer diese Chance auf einen Neuanfang zu nutzen wissen. Mit dem ausgleichenden Joel Payne steht ihnen dafür ein moderater Ansprechpartner zur Verfügung. Trotz aller – auch berechtigter – Kritik an den teils subjektiven Bewertungskriterien ist und bleibt der Gault Millau die deutsche „Wein-Bibel“. Die Vorteile eines gut gefüllten Fasses können sowohl Winzer als auch Gault Millau-Redakteure nur dann schöpfen, wenn alle an einem gemeinsamen Strang ziehen.

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