Seid gegrüßt, Euer Diskurshoheit

Der päpstliche Bannstrahl trifft den deutschen Diskurs an empfindlicher Stelle. Der des Sprachpapstes, wohlgemerkt. „Geschwätz„, hat er gesagt, und qua seines Amtes wird damit einem Großteil derjenigen, die sich der deutschen Sprache für ihre Teilnahme an öffentlichen Gesprächen bedienen, die Daseinsberechtigung in diesen Diskursen abgesprochen.

Wolf Schneider hat in seinem Leben sicherlich viel Richtiges gesagt. Wo er jedem Autoren, jeder Autorin empfiehlt, sich selbst der größte Kritiker zu sein, da fällt es schwer, ihm nicht beizupflichten, der er gleichzeitig ein großer Fan seines eigenen Schaffens ist. Wolf Schneider tut allerdings trotz all seiner Bemühungen um klare Sprache und Verständlichkeit dem Diskurs nicht nur unrecht, er beschädigt ihn durch seine bloße Anwesenheit. Dafür kann er nichts, zumindest wird er es kaum gewollt haben. Und doch ist es seine Funktion in diesem Diskurs, die Rolle als Sprachpapst, als letztinstanzliche Autorität, die ihn zum traurigen Fanal des Scheiterns von Verständigung macht.

Deutsche Diskussionen kranken nämlich häufig daran, dass Autoritäten wichtiger als Argumente sind. Der Sprachpapst ist selbst das beste Beispiel, denn seinen Worten wird dank seiner Autorität Gehör geschenkt, auch da, wo sie wenig überzeugend sind. Seine Autorität geht so weit, dass die ästhetischen Urteile Wolf Schneiders über Sprache zum Maßstab für richtig und falsch werden. Dabei ist er eigentlich ein Freund des gepflegten Lutherwortes: Den Leuten auf’s Maul schauen. Geil, mag der unbedarfte Leser glauben.

Der gleiche Schneider, der eine Kolumne nach dem geflügelten Wort Luthers benennt und dessen Bibelübersetzung ob ihrer bildhaften Wortgewalt preist, sagt aber auch:

Was die Leute reden ist nicht mein Thema, sondern was Journalisten schreiben.

Und findet in Fernsehtalkshows nebenbei, dass der Duden dummerweise den Sprachgebrauch der Leute registriere, selbst „wenn er falsch ist“. Denn was richtig und falsch ist und wie das Volk zu sprechen habe, das bestimmt in Deutschland, die wir ja schließlich Papst sind, der Sprachpapst immer noch selbst. Dessen Wort ist Gesetz auch dafür, wie Journalisten und nun also junge Autoren zu schreiben hätten, wollten sie verstanden werden.

Wolf Schneider mag ein großartiger Stilist sein. Er beweist nur leider wenig Expertise, wie Sprache funktioniert. Warum also bringt die Sprachgemeinschaft Luthers nicht die Kraft auf, sich gegen zur Institution gewordene Vorurteile zur Wehr zu setzen? Es sind Vorurteile über Sprache, die zur Bewertungsgrundlage für richtig und falsch werden. Schneiders ästhetisches Empfinden ist der Maßstab, statt dass Verständlichkeit die Ultima Ratio für den journalistischen Sprachgebrauch darstellt. Die Korrektheitsdoktrin geht über Verständigung. Dabei gilt es sich doch eigentlich nicht an Luthers Sprache auszurichten, sondern an seinem Willen, sich den Menschen in ihrer Sprache zu nähern, wenn sie die Botschaft verstehen sollen.

Many of the rules that editors and other grammatical zealots wave about like cudgels are arbitrary and destined to be swept aside as words and usage evolve. Neil Genzlinger

Es gibt sehr wohl andere Kriterien für den gelungenen Nutzen vom Kommunikationswerkzeug Sprache als das ästhetische Urteil sprachkonservativer Autoritäten. Leider finden sprachwissenschaftlich fundierte Bewertungen in der deutschen Öffentlichkeit kaum Gehör. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit, die von der Priesterkaste der schneiderschen Lehre bedient wird. Dabei hat der Journalismus, der seinen Standesdünkel gern als Monstranz vor sich herträgt, doch den Anspruch, stellvertretend für die Gesellschaft einen Diskurs zu führen. Wenn er dabei weniger Rücksicht auf überkommene Dogmen nähme und sich weniger an Autoritäten als vielmehr der Qualität der Argumente orientieren würde, könnten die Leser vielleicht auch häufiger etwas Neues lernen. Zumindest, wenn es um Sprache geht.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • ElMa sagt:

    Ein bisschen am Thema vorbei kritisiert! Wer Schneiders Bücher
    kennt, weiß, dass es ihm nicht um Sprachästhetik geht, sondern
    um lebendige, anschauliche, konkrete Wörter in kurzen, prägnanten
    Sätzen. Sich daran zu halten, tut jedem gut, der gelesen werden will.
    Wer nur was von sich geben möchte, ohne Echo, kann doch schreiben
    wie er will!

    • erz sagt:

      Ich will das nach reiflicher Überlegung mal vorsichtig so kommentieren: Ich habe immerhin eines von Schneiders Büchern irgendwo hier im Regal stehen. Von meiner Aussage möchte ich dennoch nichts zurücknehmen. Was Leuten gut tut, die gelesen werden wollen, ist nicht in jedem Falle nach dem Geschmack Schneiders.

  • Drei Viertel dessen, was dort produziert wird, ist trauriges Geschwätz. Geschwätz, weil es wenig Substanz hat, und traurig, weil die meisten doch wohl gelesen werden wollen!

    Auf Umwegen wieder einmal hierher gelangt. Aber zum Thema: Ich denke, dass Schneider hier irrt. Viele Blogs haben doch in erster Linie die Funktion eines Tagebuchs, man will etwas mitteilen (prinzipiell), oder sich von der Seele schreiben; es ist gar nicht wichtig, dass das viele lesen, man tratscht ab und an, und das reicht.
    Früher bekam so etwas kaum jemand zu lesen, weil es auf Papier (Notiz- oder eben Tagebücher) gekritzelt wurde, heute steht es aber im Netz. Die zugrunde liegende Intention hat sich dennoch nicht verändert, und warum hätte sie es auch sollen?



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