The Limits of Control, Retrogaming und MacGuffins

Das Wichtigste vorweg: Jim Jarmusch hat einen Film gemacht, der nichts für jeden ist. The Limits of Control ist ein Film ohne Handlung. Er ist aber trotzdem ein großartiges Stück Kino für jene, die sich an künstlerischem Handwerk erfreuen und bereit sind, großartige Bilder und tolles Sounddesign auf sich wirken zu lassen. Die inhaltliche Leere zu füllen, bleibt völlig dem Zuschauer überlassen. Der Regisseur bedient sich für diese Volte eines erzähltechnischen Taschenspielertricks: Er ersetzt Handlung durch etwas, das Alfred Hitchcock einen MacGuffin nannte.

Der Altmeister, den Jarmusch in seinem jüngsten Film mehrmals zitiert, beschrieb den MacGuffin in einer Anekdote:

It might be a Scottish name, taken from a story about two men in a train. One man says, ‚What’s that package up there in the baggage rack?‘ And the other answers, ‚Oh that’s a McGuffin.‘ The first one asks, ‚What’s a McGuffin?‘ ‚Well,‘ the other man says, ‚It’s an apparatus for trapping lions in the Scottish Highlands.‘ The first man says, ‚But there are no lions in the Scottish Highlands,‘ and the other one answers ‚Well, then that’s no McGuffin!‘ So you see, a McGuffin is nothing at all.


Screenshot ComputerspielDank Emulatoren kann ich Secret of Mana auch auf dem Laptop spielen. Lauter sinnlose fetch quests.
Die Funktion des MacGuffin ist das entscheidende Element für die Geschichte eines Films. Es ist eine erzählerische Mechanik, die die Handlung in Gang setzt. Der Inhalt des MacGuffin ist für die Geschichte beliebig. Es kann ein Koffer voller Gold sein, den alle Protagonisten ergattern wollen, aber bis zum Ende des Films nie erreichen. Hitchcocks prägnanteste Verwendung dieses sinnentleerten plot device sind die Regierungsgeheimnisse in „Der unsichtbare Dritte“. Sie sind letztendlich nicht einmal wirklich existent. Die Vermutung ihrer Existenz ist es dennoch, die alle Charaktere antreibt. Rollenspielern dürfte das Prinzip nur allzu vertraut sein, gibt es doch eine ganze Reihe von Computerspielen, die more style than substance sind.

Screenshot ComputerspielChrono Trigger ist eine echte Perle unter den Retrogames. Da wird sogar der MacGuffin sinnvoll eingesetzt.Wie der leidgeprüfte Gamer in den generischen „Rette die Welt“-Szenarios so mancher Rollenspiele, muss auch der Protagonist in Jarmuschs Film eine Reihe von fetch quests erledigen, bevor er endlich gegen den Endgegner kämpfen darf. Er wird von einem Szenario zum nächsten geschickt, ohne dass irgend ein Sinn aus seinen Botengängen erwüchse. Seine Begegnungen mit anderen Figuren sind bloße Wegmarken auf dem Pfad zur entscheidenden Schlacht. Anders als in den quälend unsinnigen Pseudohandlungen so mancher anderer Machwerke hat der Mangel an Substanz in „The Limits of Control“ jedoch Methode.

Jarmusch radikalisiert die Verwendung des MacGuffin bis zu einem Punkt, wo keine echte Handlung mehr übrig bleibt. Der Film verwendet nurmehr leere Zeichen. Die Oberfläche, die das cineastische Erleben auszeichnet, ist der Inhalt des Films. Dabei strotzt „The Limits of Control“ nur so vor Anspielungen und Zitaten auf das Kino. Sei es die Referenz auf Hitchcock oder Tarkovsky, James-Bond-Machismo oder den Hass auf Handys im Kino. Dem Liebhaber bietet sich stets die Gelegenheit, sich nicht nur an der Präzision der Filmsprache zu erfreuen, mit der der New Yorker Regisseur virtuos hantiert, sondern auch versteckte Andeutungen zu suchen und zu entziffern.

Code ist ein wichtiges Stichwort für die Wirkung des Films. Es wird gar kein Versuch unternommen, dem Zuschauer einen Schlüssel zur Entzifferung der manngifaltigen Symbolhaftigkeit an die Hand zu geben. Kultur und Film, die Wichtigkeit des Beobachtens, Träume und Subjektivität werden als Themen angesprochen. Der Regisseur will die Zuschauer auf einen Trip entführen. Die Kontrolle über den Inhalt des Films gibt er dabei völlig auf. „Das Universum hat kein Zentrum und es hat kein Ende. Das Leben ist subjektiv.“

Wer sich auf diese mind screw einlässt, kann zwei Stunden entschleunigt genießen.

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