Turnier ohne Gesicht

Das deutsche Tennis ist nur noch zweitklassig. Sportlich sind die goldenen Boom-Zeiten seit zehn Jahren vorbei, auch wenn sich Tommy Haas im Spätherbst seiner Karriere in manchen Momenten im dritten Frühling wähnt. Nun hat es zudem endgültig die nationale Turnierlandschaft getroffen. Nach langen Jahren mit rosigem Masters-Status am Hamburger Rothenbaum sind die seit Samstag laufenden German Open nur noch ein Turnier unter vielen.

Tennisspieler mit Schläger vor GesichtDem größten deutschen Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum fehlt ein Gesicht
Nur noch halb so viele Weltranglistenpunkte sind nach der Abwertung des Turniers zum Top500-Event zu ergattern. Aber auch ohne die Stars der Szene, die erwartungsgemäß nicht am Start sind, haben die Veranstalter um Turnierdirektor Michael Stich ein ansehnliches Teilnehmerfeld zusammengestellt. Ein Gesicht, das in der Öffentlichkeit den Vermarktungswert des größten deutschen Herrenturniers steigern könnte, fehlt jedoch völlig. Die topgesetzten Gilles Simon und Nikolay Davydenko gehören zu den blasseren Akteuren auf der Tour. Stanislas Wawrinka, Tommy Robredo und David Ferrer spielen an guten Tagen sicherlich beeindruckendes Tennis, sind allerdings von den Aushängeschildern weit entfernt. Das trifft auch auf Robin Söderling zu, jedoch umweht den Schweden immerhin noch immer die Aura seines Paris-Sieges über Rafael Nadal.

Die Tennis-Blog-Gemeinschaft hatte es bereits vermutet: Drei Spieler, die etwas mehr Show und Ausstrahlung zu bieten hätten, sagten kurz vor Beginn des Turniers ab. Der spanische Davis-Cup-Held Fernando Verdasco weilte noch kurz in der Hansestadt, um seinen verletzungsbedingten Verzicht zu erklären, reiste aber schon bald wieder gen sonnige Heimat. Auch Gaël Monfils, dessen spektakulär kraftvolle Spielanlage alleine für Schlagzeilen garantiert hätte, und Tomáš Berdych schlagen nicht am Rothenbaum auf.

In den letzten zwei Jahren sahen die Zuschauer das Endspiel Rafael Nadal gegen Roger Federer. Ein Traum für jeden Tennis-Fan. Einzig Michael Stich sieht das anscheinend anders. Das Turnier sei zuvor zu sehr auf Nadal und Federer fokussiert gewesen, erklärte der Elmshorner bereits im März. Ein schweres Schicksal in Anbetracht der einzigartigen Matches, die beide Stars miteinander ausgetragen hatten.

Die Hauptdarsteller fehlen; doch nun ist die Bühne frei für Newcomer, versteckte Talente oder alternde Stars. Mit Tommy Haas fehlt leider ein weiteres mögliches Aushängeschild aus dieser Kategorie. Philipp Kohlschreiber hat zumindest das spielerische Potenzial, die Lücke als Zuschauerliebling einzunehmen. Und Philipp Petzschner sowie Daniel Brands zeigten am ersten Turniertag bereits ansprechende Vorstellungen. Dennoch bleiben die diesjährigen German Open am Hamburger Rothenbaum ein Turnier ohne Gesicht.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • obi sagt:

    Naja so schlimm finde ich die Besetzung jetzt auch nicht. Natürlich schade, dass mit Verdasco der absolute Star abgesprungen ist aber dennoch sind ganz gute Sandplatzspieler am Start (Robredo, Ferrer, Davydenko). Zu den deutschen Spielern: Klar wäre Haas ein Zugpferd für das Turnier aber ich finde die Entwicklung der anderen Spieler recht positiv. Noch vor ein paar Jahren sind Leute wie Petzschner und Co. alle sang- und klanglos in der ersten Runde ausgeschieden. Seit ein paar Monaten sind die aber in der Lage auch mal gutes und stellenweise sogar recht attraktives Tennis gegen gleichwertige oder bessere Gegner zu zeigen. Greul hat nen gutes Match gespielt gegen Tipsarevic und noch gewonnen nach 0-1 Satzrückstand und Petzschner hat den Serra auch gut langgemacht – vor 1-2 Jahren alles undenkbar gewesen. Nur Kohlschreiber sollte mal wieder aufpassen, dass er den Mund nicht zu voll nimmt. Aber da weiß man ja eh nie, was bei rauskommt. Mit der Form von Marbella ist nen Halbfinale und mehr auf jeden Fall drin, andernfalls kann er sich frühzeitig auf die Hartplatzsaison vorbereiten.

  • J sagt:

    Har har , da wusste einer dem Turnier aber zu helfen und seiner werbewirksamen Ankündigung „ich garantiere Weltklasse-Tennis“ Taten folgen zu lassen. Sind die „Großen“ nicht zu gegen setzt man sich als Michael Stich halt selbst als Highlight des Spielplans. Nur um nach einem unwürdigen Bälleverschieben dem Understatement entsprechend künftigen Bitten seines Doppelpartners Zverev eine Absage zu erteilen.
    Das kann man allen Beteiligten nur wünschen!

  • Maik sagt:

    Das deutsche Tennis ist in der Nach Becker Ära leider mit keinem kosntant guten Spieler mehr gesegnet gewesen. Aber irgendwann kommt mal wieder einer, ein Ausnahmespieler wie Becker…

    Natürlich kommen zu einem solchen Turnier weniger große Gesichter, wenn es in seiner Wertung nicht mehr so wichtig ist, das ist doch klar…

    • csp sagt:

      Da hast du schon Recht, Maik. Weniger Geld, weniger Weltranglistenpunkte – natürlich kommen da weniger Top-Spieler. Das einzig seltsame am Rothenbaum war doch der umtriebige Auftritt von Michael Stich, der den Absturz des größten deutschen Tennis-Turnieres als Qualitätssteigerung zu verkaufen versuchte. „Das Tur­nier sei zuvor zu sehr auf Nadal und Fe­de­rer fo­kus­siert ge­we­sen, er­klär­te der Elms­hor­ner be­reits im März“…
      Der DTB muss den Tatsachen nun mal ins Auge blicken und sich seinen Stellenwert zurück erkämpfen. Ein Anfang ist in dieser Saison mit den guten Resultaten von Kohlschreiber, Haas, Petzschner, Beck und Brands schon gemacht. Irgendwann wird dann hoffentlich wieder ein richtiges Aushängeschild dazu stoßen. Spätestens dann kann auch die ATP nicht auf ein großes Event in Deutschland verzichten.
      Bis dahin müssen DTB und Michael Stich leider kleinere Brötchen backen.



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