Ungewisse Zukunft

Aus der Reihe »Melbourne 2010«

Die Australian Open sind das Grand Slam-Turnier mit den meisten Überraschungen. In down under stand einmal sogar ein gewisser Rainer Schüttler im Endspiel. Die diesjährige Auflage schreibt allerdings ihre eigenen Geschichten und hatte bislang, bis auf das Ausscheiden der amtierenden US Open-Champions Kim Clijsters und Juan Martin del Potro, wenig Sensationelles zu bieten. Auch der Sieg von Andy Murray im Viertelfinale nach Rafael Nadals Aufgabe gehört nicht in diese Kategorie. Das tragische Ausscheiden des Titelverteidigers wird dennoch in Erinnerung bleiben.

Verletzungspause, dritter Satz. Schmerzverzehrt wendet sich Rafael Nadal von seinem rechten Knie und den helfenden Händen des Physiotherapeuten ab. Nadal schaut sorgenvoll in den Melbourner Nachthimmel und der Eindruck entsteht, als müsse das spanische Kraftpacket die Tränen zurückhalten. Der Titelverteidiger der Australian Open kehrt zwar noch einmal auf den Platz zurück, nur wenige Minuten später ist es jedoch traurige Gewissheit. Rafael Nadal muss seine Viertelfinalbegegnung gegen den Briten Andy Murray aufgeben.

Seit Jahren schont der Mallorquiner weder die Nerven seiner Fans noch seinen eigenen Körper.

Tapfer ins Publikum winkend verabschiedet sich die Nummer zwei der Weltrangliste von seinen Fans in Australien. Wie es im Innern des verletzungsgeplagten Superstars aussieht ist nur zu erahnen, ob Nadal in der Kabine seinen Tränen freien Lauf lässt, nicht überliefert. Die erneute Knieverletzung bedeutet für den 23-Jährigen jedoch einen erneuten Rückschlag in seiner bislang so steil verlaufenden Karriere.

Das Phänomen Rafael Nadal. Der spanische Champion gehört zu den größten Kämpfern auf der Tennis-Tour. Seit Jahren schont der Mallorquiner weder die Nerven seiner Fans noch seinen eigenen Körper. Kein Ball ist aussichtslos, kein Match frühzeitig verloren. Das spürten die Zuschauer in der ausverkauften Rod Laver Arena auch, nachdem Nadal bereits 3:6, 6:7 (2) zurück lag. Im Vollbesitz seiner Kräfte wäre dieser 0:2-Satzrückstand sicherlich keine Vorentscheidung gewesen. Doch wieder einmal streikte Nadals Knie. Die Patellasehnenentzündung, die ihm im Vorjahr die Chance raubte, seinen Wimbledon-Titel zu verteidigen, schien ausgeheilt. Nadal beteuerte jedenfalls zu jeder Gelegenheit, die Verletzung sei nicht chronisch gewesen und nun ausgestanden. Sein emotionaler  Abgang in Melbourne offenbarte jedoch ein anderes Bild.

Selbst Kontrahent Andy Murray hatte wohl nicht mit der frühzeitigen Aufgabe gerechnet. Ungläubig nahm der Schotte Nadals Erklärungen und Glückwünsche entgegen. Zuvor hatte Murray ein zauberhaftes Match abgeliefert und mit vielseitigem Tennis die Kritiker Lügen gestraft, die seiner Art zu spielen die Grand Slam-Tauglichkeit abgesprochen hatten. Serve-and-volley bei wichtigen Punkten, krachende Returns und eine doppelhändige Rückhand, die auch den gesunden Rafael Nadal vor große Probleme gestellt hätte, untermauerten Murrays Ambitionen als erster Brite seit Fred Perry einen Major-Titel auf die Insel zu holen.

Im Halbfinale von Melbourne wartet nun Marin Cilic. Der Kroate kämpfte in seinem dritten Fünfsatzspiel im Turnierverlauf den angeschlagenen Andy Roddick nieder. Acht Stunden verbrachte Cilic länger auf den blauen Courts der Australian Open 2010 als Murray. Und obwohl Cilic seinen Vorschlussrundengegner bei den letztjährigen US Open geschlagen hatte, gilt der Schotte als klarer Favorit auf seine zweite Endspielteilnahme bei einem Grand Slam-Turnier.

Rafael Nadals Zukunft ist dagegen ungewisser denn je. So genannte Tennis-Experten empfehlen dem Spanier, sein Spiel umzustellen, um nicht mehr für jeden Punktgewinn an die körperlichen Grenzen gehen zu müssen. Auf seine größte Stärke verzichten kann Nadal jedoch trotz einer offensiveren Spielanlage nicht. Bleibt abzuwarten, ob oder wie schnell er sich von dem erneuten Rückschlag erholen kann. Sein Kampf gegen die Tränen in der Rod Laver Arena verhieß wenig Gutes.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • obi sagt:

    Guter Beitrag, war schon sehr schade den erneuten Rückschlag mitanzusehen. Gleiches trifft ja leider auch wieder auf Tommy Haas zu, für den es bestimmt die letzte Saison ist, wenn man bedenkt, dass er keine 3 Monate mehr am Stück ohne neuerliche Verletzungen durchspielen kann. Mal sehen, wie es bei Nadal weitergeht. Ich glaube aber nicht, dass er sein Spiel so weit umstellen kann, dass es weitaus weniger belastend ist. Lleyton Hewitt hat sich ja auch dermaßen kaputt gelaufen, dass er chronische Hüftprobleme hat. Entweder es geht gut oder nicht…

  • Sport Guider sagt:

    Kann mich meinem Vorredner nur anschließen. Die Anzeichen verdichten sich schon, dass der Haasi aufhört…
    Zum Nadal: also ich weiß nicht, wie er sein Spiel umstellen sollte. Man kann ja nicht von heute auf morgen alles anders machen und dann auch noch erwarten, dass man den gleichen Erfolg hat…



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