Von alten Medien lernen

Im ersten Teil dieser Reihe um Kompetenz in alten und neuen Medien haben wir die Grundannahme vorgestellt, dass Medien von ihren Nutzern geformt werden. Außerdem haben wir uns mit einigen Besonderheiten des Mediums Distributionskanals Internet beschäftigt. Heute wollen wir uns zum Ausgleich mit alten Medien beschäftigen und mit den Lehren, die wir für den Umgang mit neuen Medien daraus ziehen können. Denn auch wenn es konzeptionelle Unterschiede zwischen verschiedenen Medientypen gibt, darf man darüber deren Gemeinsamkeiten nicht vergessen: Es geht weniger darum, was ein Medium oder eine Technologie konzeptionell erlauben, als vielmehr darum, welche Konventionen sich für die Nutzung ergeben.

Alte Medien haben einen Reifungsprozess hinter sich, den wir als Erfahrungsschatz nicht vernachlässigen können. Viele der Konventionen übernehmen wir schließlich, ohne sie zu hinterfragen. Wir lesen auch im Internet von links nach rechts, wir benutzen Überschriften und Absätze, um Themen einzuführen und zu gruppieren. Wir klicken auf Pixel, die wie die Piktogramme auf unseren Kassettenrekordern aussehen, wenn wir ein Video starten wollen. All die Gewohnheiten, die wir im Umgang mit anderen Medien erworben haben, begegnen uns in neuen Medien wieder.

Dabei sind diese Gewohnheiten teilweise völlig zufällig. Wir könnten ja auch von rechts nach links oder von oben nach unten schreiben, wie es uns andere Schriftsysteme vormachen. Allerdings gewinnen die sozialen Regeln, die wir im Umgang mit der Technik entwickeln, ein Eigenleben. Die Entscheidung für das Schriftsystem prägt sogar unsere psychologische Wahrnehmung. Wir scannen visuelle Hinweise von links nach rechts. Wer zum ersten mal einen japanischen Comic liest, hat dementsprechend Schwierigkeiten, die Erzählstruktur der Bilder nachzuvollziehen. Um so wichtiger ist es, dass wir uns über die Regeln klar werden. Einige Jahrhunderte Erfahrung im Umgang mit Text und Informationsvermittlung werden wir nicht einfach in die Tonne kloppen, nur weil gerade eine neue Technik unsere Aufmerksamkeit vereinnahmt.

Hype und Hysterie

Wenn eine neue Technik Zugang zu unserem Alltag findet, entzünden sich daran die Geister, weil wir als soziale Wesen uns noch nicht auf Konventionen über den Gebrauch verständigt haben. Erst wenn Nutzungskonventionen zur Norm werden, wird die Technik „unsichtbar“. Reife Technologien zeichnen sich dadurch aus, dass es weder Enthusiasmus noch Skeptizismus über sie gibt. Niemand fragt sich noch, was eine „richtige“ Anwendung des Telefons sein könnte und ob es unsere sozialen Kontakte verkümmern lässt, weil wir nicht mehr vor die Tür gehen müssen, um mit unseren Nachbarn zu reden. Wir haben uns daran gewöhnt, dass das Telefon ganz selbstverständlich Teil unseres Lebens ist. Was aber ist gesellschaftlich akzeptierter Umgang mit dem Handy in der Öffentlichkeit?

Trennen wir zunächst den allgemeinen Kulturpessimismus von einem Phänomen, das immer wieder mit der Entwicklung gesellschaftlich relevanter Technologien einhergeht: Neue Technologien unterliegen einer polarisierenden Bewertung. Genau so, wie es dystopische Hysterie über die neue Technologie gibt, gibt es immer auch utopischen Hype. Aus diesem Spannungsfeld entstehen Mythen über die neue Technik, die einer pragmatischen Nutzung im Wege stehen. Das Internet ist eindeutig noch in dieser Phase der Polarisierung gefangen, die Gesellschaft streitet noch um Deutungshoheit.

Zur Mythenbildung trägt ein Umstand ganz besonders bei, der Besitzstandswahrer und Netzapologeten in trauter Zweisamkeit eint: Die aktuelle Debatte ist in der Falle des technologischen Determinismus gefangen. Kennzeichnend sowohl für ablehnende als auch zustimmende Beiträge zur Diskussion ist in den meisten Fällen ihre monokausale Beschränkung auf das Internet als originären Auslöser von gesellschaftlicher Umwälzung. Dabei war es auch zur Zeit Gutenbergs nicht allein die Druckerpresse, die alles verändert hat. Was die Menschen mit der Druckerpresse angestellt haben, hat die Welt verändert. Nicht zuletzt kam die gesellschaftliche Veränderung aber auch aus sozialen Spannungsfeldern, die ein Ventil für den voranschreitenden Wertewandel fanden.

Ohne gleich dem Sozialkonstruktivismus das Wort reden zu wollen, ist es doch zumindest bemerkenswert, zu überlegen, warum eigentlich die Pharaonen nicht mit Heißluftballons flogen. Interessant ist es sicher auch, sich zu fragen, wie sehr das Internet kulturell und politisch voreingenommen ist. Immerhin ist das Protokoll eindeutig von seinen Urhebern geprägt und es haben nicht alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen Zugang, sich am Findungsprozess der künftigen Netzkonventionen zu beteiligen.

Alles schon mal da gewesen

Der Hype um neue Technologien ist alt. Neu scheint im Moment nur die Feedbackschleife, die diesen Hype weiter propagiert: Die Eigeninteressen von „Sendern“ sind betroffen, sowohl Sender der alten Medien als auch Sender der neuen Medien sehen ihre Stimme in Gefahr. Obendrein sind Machtstrukturen und nicht zuletzt finanzielle Interessen von ausgerechnet jener Gruppe Menschen betroffen, die in der Vergangenheit für sich in Anspruch nahm, gesellschaftliche Debatten stellvertretend für all jene auszuführen, die mangels eines Sendungskanals keine öffentliche Verbreitung fanden. Dabei sind es nicht „die Medien,“ weder die Vertreter der alten, noch die der neuen, die darüber entscheiden werden, wie die Nutzer sich mit dem Internet arrangieren. Das haben die Nutzer zu allen Zeiten selbst entschieden.

Wir werden von Technologie beeinflusst und formen die Technologie im Gegenzug nach unseren Vorlieben und Bedürfnissen. Eine neue Technologie kann einen Paradigmenwechsel einläuten. Aber sie kann nicht „alles ändern“. Schon gar nicht gegen die Gewohnheiten der Nutzer. Und da, wo Technik einer Erweiterung von Kommunikation dient, sind die Gewohnheiten der Nutzer in der Regel schon sehr festgefahren. Immerhin übt sich jeder von uns schon verdammt lange in Kommunikation, spätestens seit wir Mama mit einem Lächeln dafür entschädigt haben, dass wir sie mit Geplärre zu Aufmerksamkeit erpressen.

Deswegen kann es sehr gut passieren, dass Nutzer, die neue Medienerfahrungen gesammelt haben, plötzlich auch andere Ansprüche an bekannte Medien stellen. Unter dieser Maßgabe ist es nur plausibel, dass sich alte Modelle verändern werden. Das ist keine Frage von „Anpassen oder sterben“ sondern vielmehr eine grundsätzliche Konsequenz des nutzergetriebenen Medienwandels. Sat1 hat eine Zeitlang versucht, Fernsehzuschauer an neue Startzeiten um 20:00 zu gewöhnen und musste sich doch den Erwartungen der Nutzer beugen. Wer nicht an thematische Sortierung in Feuilleton, Wirtschaft, Politik etc. gewöhnt ist, ist mit anderen Sortierungen womöglich besser bedient. Das Feuilleton als thematisches Raster stirbt aus der Nutzerperspektive vielleicht völlig zurecht aus, völlig unabhängig von der inhaltlichen Qualität oder dem Stellenwert, die es für seine Macher haben mag.

Nun bin ich in der dankbaren Position, nicht finanziell von einem Geschäftsmodell abhängig zu sein, das an alte Nutzergewohnheiten gekoppelt ist, und kann eine sehr akademische Perspektive einnehmen. Es geht mir gerade nicht um Inhalte oder die gesellschaftliche Bedeutung des Journalismus,  sondern um funktionale Wesenszüge eines Mediums. Um so zuversichtlicher bin ich aber, dass neue Medienmodelle und Nutzerkompetenzen entstehen werden. Die alten Medien haben es schließlich wieder und wieder vorgemacht. Nicht immer war der Wandel mit einem so offensichtlichen und erbitterten Kampf um Deutungshoheit verbunden, aber doch stets mit nachvollziehbaren Mechanismen und Ergebnissen. Diese Mechanismen gilt es zu entschlüsseln. Die vielleicht besten Hinweise auf das „wie“ finden sich gebündelt übrigens an einem Ort, der die Haptik, die  Aura und den Duft komprimierten Wissens zur linearen Informationsvermittlung so wunderbar einfängt, dass viele Studenten ihn immer noch als bevorzugten Arbeitsplatz schätzen. Alte Medien sind eben nicht unbedingt von gestern.

Hinweis für Leute, die den Gang in die Bibliothek oder den Kauf nicht scheuen: Eine sehr kompakte Einführung in Medien- und Kommunikationstheorie des Internets bietet Computer Mediated Communication: An Introduction to Social Interaction Online. Das in diesem Artikel eingebettete Video findet sich auch bei YouTube

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • Markus sagt:

    Danke für diesen (wirklich sehr schön mit dem gut gemachten Video eingeleiteten) Text.

    Ich war ja schon vom Artikel «Medienkompetenz und das Internet» sehr angetan (und hatte damals darüber gebloggt). Auch dieser Text stellt sehr gut heraus, dass es sich nicht um eine Alternative Alte oder Neue Medien handelt, sondern dass wir es bei den geradezu epochalen Veränderungen im Web mit einem fließenden Übergang zu tun haben, der auf der einen Seite (Nutzer) von einer gewissen medialen Gewöhnung geprägt ist, und der von der anderen Seite (Informationsanbieter) eine Anpassung an den nutzergetriebenen Medienwandel fordert.

    • erz sagt:

      Danke für die netten Worte. Und die prägnante Zusammenfassung dessen, was für Medienmacher eine relevante Erkenntnis sein könnte.



  • Über uns

    Die Kontextschmiede ist eine Plattform für junge Autoren, auf der ein breites Spektrum von gesellschaftlich relevanten Themen abgedeckt wird. Die Beiträge sollen Zusammenhänge, Hintergründe und Analysen bieten und Inhalte stets in einen Kontext einbetten, der neue Perspektiven eröffnet.

↑ Springe zum Seitenanfang

An der Technik der Kontextschmiede wird beständig gefeilt. Für Fehler bitten wir um Nachsicht. © Kontextschmiede