Was ist eigentlich „kulturelle Identität?“

Die Integrationsdebatte in Deutschland tritt auf der Stelle. Nun ist Integration auch kein einfaches Thema. Nicht, weil die damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme so komplex wären. Sie sind nicht komplizierter als die meisten anderen gesellschaftlichen Probleme. Kompliziert ist heutzutage scheinbar jedes Problem und befriedigende Lösungen sind ohnehin nicht die Stärke des politischen Betriebes. Trotzdem finden in den anderen Debatten die betroffenen Teilnehmer der Gesellschaft statt, selbst wenn sie nur wütenden Protest beitragen können. Die von der Integrationsdebatte betroffenen Mitglieder finden in der Debatte um ihre ureigenen Interessen aber nicht statt.

Die Integrationsdebatte tritt auf der Stelle, weil die Bewertung dieser Probleme so fundamental mit den persönlichen Vorstellungen von Kultur verknüpft ist, dass sich die meisten Diskussionsteilnehmer einer kritischen Überprüfung dieser Vorstellung verweigern – das würde nämlich einer kritischen Überprüfung des eigenen Identitätsentwurfs erschreckend nahe kommen. Und wer hinterfragt seine Überzeugungen schon gern? Die von der Integrationsdebatte betroffenen Menschen sind jedenfalls nicht irgendwelche Ausländer. Die Menschen, um die es in dieser Debatte eigentlich geht, sind wir. Es sind wir alle, die wir Mitglieder dieser Gesellschaft sind.

Der öffentliche Diskurs, der sich mit Integration beschäftigt, ist jedenfalls von einer geradezu aggressiven Verweigerungshaltung geprägt, sich mit der eigenen Identität zu befassen. Es wird auf eine Leitkultur verwiesen, die es für alle zu definieren gälte, als wäre Kultur ein Wertekanon, den ein externes Gremium erarbeiten müsste, damit wir uns faul zurücklehnen und konsumieren können. Dabei wird der Kulturbegriff ständig als Schablone für das verwendet, was „die anderen“ tun und denken sollen, unsere eigenen Widersprüche und Ungereimtheiten werden nie Teil der Integrationsdebatte.

Gerade weil es uns Menschen so schwer fällt, die Widersprüche in unseren Weltbildern zu erkennen oder gar zu akzeptieren, läuft jeder Diskurs über Kultur Gefahr, von Selbstbetrug unterhöhlt zu werden. Warum ist die Begegnung mit unbekannten Weltbildern häufig so feindselig? Weil sie nicht nur durch ihre bloße Existenz das eigene Weltbild als das einzig Wahre in Frage stellen, sondern damit gleich auch die ganz persönliche Identität. Wann immer Merkmale in Frage stehen, mit denen wir uns selbst identifizieren, ist eine Abwehrhaltung die naheliegende, menschliche Reaktion. Trotzdem sind wir Mensch genug, uns in einer Gemeinschaft irgendwie zu organisieren und weiterzuentwickeln. Das aktuelle Kabinett der Bundesrepublik wäre mit dem Selbstverständnis der Konservativen von vor 30 Jahren völlig unvereinbar gewesen.

Heute fordern konservative Politiker, dass Videos von küssenden Schwulenpärchen Teil der Integrationskurse für Ausländer sein sollen. Sie beschwören das Ende von „Multikulti“ oder der Zuwanderung aus Kulturen, die noch fremder sind, als die „abendländisch jüdische Kultur,“ die sie gerade erst herbeikonstruiert haben. Die Kulturbegriffe, mit denen die Debattenverweigerer, egal welcher politischen Ausrichtung, hantieren, sind allerdings allesamt steinzeitlich. Wer heute noch dem Multikulturalismus das Wort redet, hat die 30 Jahre, in denen so mancher Wertewandel anscheinend unbemerkt blieb, völlig verschlafen. Zumindest unter den Akademikern, die sich mit Kultur beschäftigen und auch mal dahin gehen, wo es weh tut, also an das eigene Selbstbild, ist „Multikulti“ nämlich schon lange kein Thema mehr. Weil es einem Abgleich mit der Realität nicht standhält.

Der Begriff des „melting pots“ wurde schon in Schulbüchern der 80er Jahre zugunsten der frischen Metapher der „salad bowl“ aufgegeben, schließlich ging es im Englischunterricht auch um eine fremde Kultur – und trotzdem werden beide Begriffe noch als Bereicherung der Debatte, die 2010 statt findet angesehen? Wenn Deutsche von Deutschen als Deutsche beschimpft werden ist das ein Integrationsproblem? Integrationskurse sind die Allzweckwaffe, auf die sich die politische Kaste einigen kann, obwohl deren Zielgruppe davon nur sehr begrenzt profitiert? Obwohl das Problem ohnehin an anderer Stelle liegt?

Es wird ziemlich deutlich, dass in der Debatte völlig untergeht, wo Kultur überhaupt herkommt, obwohl Kultur doch eigentlich das zentrale Thema der Debatte sein soll. Dabei ist es gar nicht so schwierig: Kultur kommt aus uns. Wir sind es, die die Kultur machen, von der wir geprägt werden. Alle gemeinsam.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • tafelrunde sagt:

    Selten so kluge, entlarvende und präzise formulierte Gedanken zu dieser Thematik gelesen oder gehört. Bravo.

    Selbst wenn man ursprünglich durch den Fußball auf diese Seite gelangt ist, so ist es umso schöner, wenn man hier immer wieder Anregendes zu anderen Bereichen genießen darf.

    Nur leider muss man hier oft zu lange auf neue Beiträge warten.

  • Lang sagt:

    Ein, wie ich finde, sehr gutes Video.
    Allerdings wird der Begriff der „Rasse“ (1:22) unkommentiert verwendet! Ein Verweis auf die Hinffälligkeit des Rassenbegriffes halte ich für sinnvoll:
    Erklärung über „Rassen“ und rassistische Vorurteile der UNESCO
    & UNESCO-Erklärung gegen den „Rasse“-Begriff.

    • erz sagt:

      Danke!

      Es stimmt, ich habe einige Begriffe nicht genauer erläutert, einfach weil manche Differenzierung für eine halbwegs prägnante Darstellung schlicht zuviel wird. Das Video ist ohnehin schon zu lang (nach meinem heutigen Empfinden und den Sehgewohnheiten der YouTube-Nutzer).

      Aber wenn du genau hinschaust, ist gerade der Rassebegriff sehr wohl problematisiert, allerdings gebe ich zu, nur für Insider akademischer Sprache. Du hast völlig recht, dass wir uns auch in der Alltagssprache gegen den Begriff aussprechen sollten. Dessen Grundlage ist entgegen der immer noch vorherrschenden öffentlichen Wahrnehmung nämlich gerade nicht „naturwissenschaftlich“ biologisch determiniert.



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