Was ist eigentlich „Liquid Democracy?“

Die Menschen in Deutschland diskutieren wieder über Politik und Demokratie. Darf es etwas mehr Bürgerbeteiligung sein? Wie vertragen sich direktdemokratische Ansätze mit einer modernen, pluralistischen Gesellschaft?  Solche und andere Fragen ergeben sich schnell in den Diskussionen über Bürgerentscheide im europäischen Umfeld und in den Bundesländern. Bürger bestimmen selbst, mit welchen Gesellschaftsschichten ihre Kinder möglichst kurzfristigen Kontakt haben sollen oder wie tolerant sie im Umgang mit gesundheitsschädlichen Lastern sein wollen.

Nach und nach verbreitet sich außerdem die Erkenntnis, dass sich unsere  politische Gesellschaft zwar stets in kleinen Schritten, aber doch maßgeblich verändert hat. Frau Merkel konstatierte in einem Interview die Fragmentierung der Öffentlichkeit:

Es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit, sondern viele Öffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden müssen.

Die Kanzlerin benennt das Internet als einen Faktor, der diese gesellschaftliche Grüppchenbildung zu Tage fördert. Daran müssten sich die modernen Demokratien erst noch anpassen. Nicht nur, dass Meinungsbilder nun extremen Schwankungen unterliegen. Das Agenda Setting in der Mediendemokratie, das unsere Berufspolitiker als Kernkompetenz mühevoll erlernt haben, funktioniert unter dem neu entstandenen Medienparadigma nicht mehr. Das dürfte für Stirnrunzeln nicht nur bei Frau von der Leyen sorgen, die sich bei ihrem perfiden Versuch des Agenda-Settings prompt einen unrühmlichen Spitznamen einhandelte. Öffentlich.

Demokratietheorie

In der Politikwissenschaft zerbröseln derweil alte Gewissheiten. Mehrheitswahlrecht führt automatisch zu Zweiparteiensystemen? Das ficht den Angelsachsen nicht an. Konkordanzdbasierte direkte Demokratie integriert auch Minderheiten? Nicht jeder darf in der Schweiz eine Kirche bauen. Mehr und mehr stellt sich die Frage, ob angesichts des gesellschaftlichen Wandels und verschiedener globaler Trends das liberaldemokratische Ideal westlicher Prägung der Geschichte letzter Schluss ist. Noch aber gibt es keine einschlägigen Überlegungen der Wissenschaft, die Kaffeehäuser aus der Habermasschen Diskurstheorie oder die Radios aus dem Brechtschen Verständnis in unserer gewandelten Gesellschaft neu zu verorten.

Das passiert bislang nur in nichtakademischen Diskursen. Der Begriff der Liquid Democracy ist folglich eine wenig ausgereifte Idee, eine Utopie, die aber nach und nach breitere Beachtung bis in das Parteienspektrum findet. In der Tat hat der Paradigmenwechsel weg vom Sender-Empfänger-Modell seit der Allgegenwart des Internets längst einige Entwicklungen angeschoben, die noch immer als Utopien diskutiert werden. Dabei sind einige Wesenszüge des Modells schon weitaus mehr Alltag als Utopie. Die Demokratie hat sich längst der technischen Möglichkeiten vernetzter Information angenommen, auch wenn diese Entwicklung nicht abgeschlossen ist. E-Petitionen oder die erhöhte Responsivität der Verwaltung und Politiker durch Email und watchdog-Portale sind nur die anschaulichsten Beispiele.

Die Demokratiedefinition aus dem Video hatte sich einer extrem vereinfachten Darstellung von prototypischen Vertretern der jeweiligen Konzepte bedient. Natürlich gibt es bereits komplexere Mischformen und Alternativen. Mit der Gesellschaft verändert sich auch die Demokratie. Aber mit jeder Debatte darüber, wie Demokratie funktionieren soll, gewinnen wir Einsichten über das Wesen der Demokratie selbst. The more things change, the more they stay the same.

Update 16. 11. 2012

Nach vielen Anfragen habe ich endlich die Zeit gefunden und das Video auf Englisch übersetzt und zum Download für Weiterverarbeitung bereitgestellt. Auch das Manuskript ist für schnellere Übersetzung im folgenden Artikel (auf Englisch) zu finden: Liquid Democracy In Simple Terms. Die entsprechende Lizenz und bei Unklarheit auch Kontaktadresse findet sich an gleicher Stelle.

Jakob

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • Martin sagt:

    Sehr schönes Video, kurz und nachvollziehbar erklärt. Die Grafiken sind manchmal ein bisschen fisselig, aber die Idee mit den Krawatten für professionelle Politiker ist sehr niedlich. Was vielleicht noch interessant gewesen, wäre für interessiert (wenn nicht im Video, dann eben im Beitrag) mal ein paar Ansatzpunkte für weiterführende Infos zu bieten, z.B. wo kann ich das ausprobieren?

    • erz sagt:

      Danke, auch wenn ich nicht weiß, was fisselig heißt ;-)

      Ich habe einige Links im Text untergebracht, von denen aus sich jeder zu potentiell interessanten Themengebieten durchklicken kann. Der Verein Liquid Democracy e.V. http://liqd.net/ bietet zum Beispiel weiterführende Links auch zu Anwendungsbeispielen. Die Piratenpartei hat mit Liquid Feedback einen Versuch gestartet, parteiinterne Basisdemokratie neu zu interpretieren. Falls du auf Beispiele aus der Wissenschaft spekuliert hast… Da kommen am ehesten aus der Ecke der Ökonomen Beiträge zu proxy voting (in firmenübergreifenden Gremien etc) oder delegated voting. Die Politikwissenschaft hatte sich zwar des Begriffs e-mocracy angenommen, aber wenn du bei google scholar nach liquid democracy suchst, bekommst du 0 Treffer.

      Ich hoffe ansonsten immer darauf, dass unsere Leserinnen und Leser hier mit guten Beispielen aufwarten, wenn meine Beiträge schwächeln. Wie sieht’s aus?

  • Andre sagt:

    War kürzlich auch Thema bei CRE (Folge 158), wer also 165 Minuten Zeit hat, da ergeben sich verschiedenste Ansätze zur Themenvertiefung. Allerdings ist die Ausgabe teils sehr langatmig und nicht so informationsdicht geworden, wie man es sonst eher gewohnt ist.

  • Saiya sagt:

    Super Animation, ist genau das richtige für politik verdrossene Leute mal darüber nach denken zu können, ich werd das fleissig in den Foren posten in dem ich mich über sowas unterhalte.

    Großes Lob!

    ps: die Jungs und Mädels vom ccc haben auch nette Vorträge und Podcasts über Liquid Democracy

  • f128 sagt:

    die Grundidee ist finde ich gut
    aber Umsetzung übers internet? Menschen, die Ohne internet oder gar PC verfügen wären dann ausgeschlossen, und leider ist diese Art nicht für jedermann etwas (auch wenn das schwer vorstellbar ist von den Personen die das hier Lesen)

    und dann ist da die Frage, wie man es technisch sicherstellen kann, das
    1. jede Person nur eine Stimme hat (und man nicht die Stimme der Verwandten benutzen kann, wenn man ein evtl password kennt
    2. der Datenschutz bei 1. gewährleistet wird
    3. das System dafür Open Source ist, und trotzdem sicher vor Manipulation
    (Wahlomaten wurden nicht umsonst verboten)

  • fx sagt:

    Mir gefällt euer Video wirklich gut, aber warum um alles in der Welt taucht am Ende dieser schreckliche Nazi-Begriff „weltnetz“ auf? Sollten euch die Konnotationen dieses Begriffs etwa nicht geläufig sein?

    • erz sagt:

      Die Antwort ist recht banal: In meinem Bekanntenkreis (dem, nebenbei gesagt, Sympathie für Faschismus nicht besonders nahe liegt) findet sich eine Vorliebe für diverse Neologismen. Wir haben schon das Wort Weltnetz benutzt, bevor der durchschnittliche Nazis überhaupt wusste, was ein Browser ist. Nun hätte man darauf kommen können, dass Braunhemdenfans sich aus der Fülle alternativer Bezeichnungen für das World Wide Web bevorzugt eines mit Teutscher Etymologie herauspicken würden.

      Aber, mit Verlaub, ich lasse mir doch von ein paar dahergelaufenen Knallchargen nicht meine Wörter klauen. Immerhin weiß ich jetzt bescheid, dass ich im Zweifel Rücksicht auf mein Publikum nehmen kann, wenn ich das Wort wieder verwenden möchte. Und sei es, um dem Nazipack die Deutungshoheit über meine Sprache abzusprechen.

      Danke!

  • alivenkickn sagt:

    spät aber jetzt weiß ich was flüssige demokratie ist. gutes video for a simple man like me.

    weltnetz is n natzibegriff? is ja n ding. wußt ich gar nich. was n glück das ich s bis jetzt nie nich verwendet hab. nich auszudenken für was ma mich hätt halten können . . .:rolleyes

  • Navid Zamani sagt:

    LOL. Das ist ’ne verkrüppelte Variante von einem System das *ich* entwickelt habe. (Schon seit vor 2006!)
    Es scheint als habe jemand hier das Konzept kopiert, ohne die Hintergründe und Basiskonzepte verstanden zu haben.
    Das System hier ist an entscheidenden Punkten wieder mal übervereinfacht, und bricht daher nach einer Zeit zusammen. Zum Beispiel fehlt das komplette Konzept der Vertrauensnetzwerke, und das Open-Source-Regelwerk!

    • Navid Zamani sagt:

      Und auch sollte man es nicht mehr als „Demokratie“ bezeichnen. Da es keine eindimensionale Struktur sondern eine echte kaskadierende Baumstruktur ist. (Im Gegensatz zur heutigen Regierungsform, die nur eine Illusion einer zweistufigen Baumstruktur ist.)

    • JimBob sagt:

      @Navid
      Kannst du bitte Referenzen auf *DEIN* Werk posten ?
      Wäre super, dann könnte man bestehende Systeme erweitern und verbessern.

      Besten Gruß :)

  • tilltheend sagt:

    Sehr aufschlussreiches und einfach zu verstehendes Video, welches auf das nötigste reduziert den Sachverhalt schildert. Hat mir geholfen bei meinem Referat, danke! :) Aber mal eine ganz andere Frage, die sicherlich noch keiner hier gestellt hat ;) könnt ihr mir den Song nennen, der in dem Video im Hintergrund gespielt wird? Besten Dank.

  • Jan sagt:

    Darf man das auch mal auf englisch übersetzen? ;)

    • oliver sagt:

      Ich möchte mich dieser Frage anschließen. (eine diesbezügliche Anfrage habe ich auch bereits per email gesendet)
      Vielen Dank auf jeden Fall für das sehr informative und schön gestaltete Video!

    • Jakob sagt:

      Schon (naja, endlich) passiert, siehe Update im Artikel.
      Danke für die Komplimente und Geduld.



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