Wie Elisabeth Wienbeck ihr Herz an Afghanistan verlor

Die Würde der Menschen in Afghanistan wird auch in Deutschland von Menschen wie Elisabeth Wienbeck gestützt und getragen. Recht auf Bildung, Recht auf Gesundheit, letztendlich Recht auf Leben wird für die afghanische Bevölkerung nicht mit der Waffe in der Hand und nicht von Angst hinter Panzerglas gewährleistet, sondern mit Hilfe jener Menschen verwirklicht, die sich von ihrem Gewissen und ihrer Neugier leiten lassen. Von diesen stillen Helden berichtet Maksim Hartwig.

Düsseldorf im Winter 2010. Hinter dem Botanischen Garten der Heinrich-Heine-Universität steht ein Reihenhaus. Am Hauseingang ist ein Namensschild angebracht: „Wienbeck“. Alles, was ich hinter dieser Tür erfahren werde, liegt fern von diesem Ort. Afghanistan ist weit weg, und dennoch fand das Land einen Platz im Herzen des Menschen, der mir mit einem ruhigen und freundlichen Lächeln die Tür öffnet. Das Leben von Elisabeth Wienbeck ist unzertrennlich mit Afghanistan und seinen Menschen verbunden. „Das Afghanistan-Virus hat mich erwischt“, erklärt sie und im gleichen Atemzug: „Man wird unweigerlich davon befallen, wenn man einmal in das Land gereist ist und dort Menschen kennen gelernt hat.“ Ich will versuchen, dieses „Virus“ zu verstehen…

Elisabeth Wienbeck macht ihre erste Erfahrung mit Afghanistan im Sommer 2003. Dort wird sie zu einer Schule am Rande von Kabul geführt. Die Schule wurde während des Krieges zerstört und ist eigentlich nicht für offizielle Besuche gedacht. Kinder sitzen im Freien entlang einer hohen Mauer, die früher einmal die Rückwand ihrer Klassenräume war. Viele finden keinen Platz im Schatten. Sie sitzen in Gruppen auf dem lehmigen Boden und lauschen aufmerksam ihren Lehrern oder hören den Mitschülern zu, die vor der Klasse etwas vortragen. Jungs und Mädchen sitzen getrennt. Ein Platz unter freiem Himmel, der von einer hohen Mauer umschlossen ist – eine Schule, wie sie in ähnlicher Form auch an vielen anderen Orten in Afghanistan zu finden ist. Aber lieber eine solche Schule als gar keine: Viele afghanische Kinder, besonders Mädchen, haben keine Chance auf Bildung. Frauen mit Ausbildung sind noch selten erwünscht in Afghanistan.

Lehrerin in AfghanistanMit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Wienbeck

Seit ihrem Besuch dieser Schule engagiert sich Elisabeth Wienbeck als Schulbeauftragte in dem Verein Bildung für Afghanistan e.V. (BfA). Drei Mädchenschulen und eine Schule für Jungs werden vom Verein getragen. Die erste Mädchenschule, „Malalai“, die der Verein bauen ließ, wurde im Dorf Lalam errichtet. Das Dorf liegt in der Provinz Wardak, einer im Süd-Westen an Kabul angrenzenden Region. Auf Drohungen der Taliban hin wurde diese Mädchenschule wieder geschlossen. Seitdem dürfen im Dorf Lalam nur Jungs zu Schule gehen. Die Mädchenschule „Diwa“ im Dorf Yusof Khel, das auch in der Provinz Wardak liegt, wurde ebenfalls aus Angst vor Taliban geschlossen, nachdem der Schulleiter entführt und seine Familie bedroht worden war.

In letzter Zeit ist die Lage in der Region nicht mehr überschaubar. Immerhin: In der Provinz Parwan, die im Nord-Westen an Kabul angrenzt, hält eine Mädchenschule, deren Bau die BfA unterstützt hat, noch ihre Pforten geöffnet. 1500 Schülerinnen kann die Schule „Gulbahar“ hinter ihren Mauern beherbergen, 100 km von Kabul entfernt. Im selben Ort wurde auch eine Schule für Jungs gebaut.

Im vergangenen Jahr wurde eine weitere Mädchenschule in Mohmandan nördlich von Mazar-i-Sharif gebaut, die inzwischen schon erweitert werden musste, weil sie so regen Zuspruch fand.  Ein kleiner, aber auch ein sehr wichtiger Beitrag zum Bildungssystem Afghanistans, wenn man bedenkt, dass von den 25 Millionen Einwohnern etwa 90% Analphabeten sind.

Zeitgleich mit den Wahl-Unruhen wurden alle Schulen in Afghanistan im Oktober 2009 geschlossen. „Wegen des Schweinegrippen-Virus“, hieß es. Auch jetzt bleiben die Schulen zu. In der Winterzeit ist der Schulweg zu mühsam, besonders für schlecht ernährte und notdürftig gekleidete Kinder. Die Winterferien dauern von Dezember bis zum Beginn des neuen Jahres – in Afghanistan beginnt das  Jahr nach islamischer Zeitrechnung im März.

Elisabeth Wienbeck hält inne…

Wir sitzen im Gästezimmer auf der weichen Couch, zwischen uns stehen auf dem Tisch Kaffee und Kekse. Ich nippe verlegen an der Kaffeetasse. Sie redet, ich höre zu. Ich schaue kurz zum großen Terassenfenster, das zum Garten im Innenhof des Hauses führt. Alles scheint eingefroren – draußen duckt sich ein Magnolienbaum unter der Schneelast, drinnen stehen zwei Schaukelstühle still. Im Raum ist es kühl.

Frau Wienbeck hat in Afghanistan einen schmerzlichen Verlust erlitten. Ihr Mann ist in Kabul verunglückt. Im April 2005 wurde er mit seinem Fahrrad von einem Polizeiauto erfasst. Er starb am Unglücksort. Jetzt ist an dieser Stelle entlang der Straßenmitte eine hohe Betonmauer errichtet – als Schutz eines Ministeriums vor Anschlägen.

Menschen vor KlinikeingangMit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Wienbeck

Prof. Dr. med. Martin Wienbeck gründete 2001 die Stiftung Wienbeck für medizinische Entwicklung. Ziel der Stiftung ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Sie bildet unter anderem in Afghanistan Ärztinnen und Ärzte im Bereich der Gastroenterologie, Endoskopie und Sonographie aus und schickt die dafür notwendigen medizinischen Geräte hin. Ein Viertel aller Erkrankungen in Afghanistan sind Darmerkrankungen.

Elisabeth Wienbeck hat nach dem Tod ihres Mannes die Stiftung übernommen. Mittlerweile unterhält die Stiftung sechs Endoskopiezentren in verschiedenen Regionen über Afghanistan verteilt, in Kandahar, Kunduz, Herat, Masar-e-Sharif und Kabul.

Für ihre Stiftungen fliegt Elisabeth Wienbeck regelmässig nach Afghanistan, besucht Schulen, medizinische Einrichtungen, verhandelt mit den Ministerien, betreut Stipendiaten aus Afghanistan in Deutschland, führt Aufklärungsarbeit an deutschen Schulen durch, sammelt Spenden für medizinische Einrichtungen und für die Schulprojekte in Afghanistan…

In einem Brief beichtete sie kürzlich einer amerikanischen Freundin, dass sie immer öfter mit ihrem Engagement identifiziert wird. Immer seltener wird sie als der Privatmensch Elisabeth wahrgenommen. Allerdings gibt sie zu, dass das Engagement in Afghanistan sehr viel von ihrer Zeit und Energie in Anspruch nimmt. Das Land sei zu einem der wichtigsten Bezugspunkte in ihrem Leben geworden. Die Möglichkeit, so viel von diesem Land und seinen Menschen zu erfahren, sei der Lohn für ihr Bemühen. „It enriches my life, in spite of all the difficulties and frustration,“ schrieb sie in dem Brief an ihre Freundin.

Kinder laufenMit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Wienbeck

Es gibt viele Fehlschläge und Enttäuschungen, die mit den Projekten in Afghanistan verbunden sind. Die Bedrohung der Schulen durch die Taliban, die Korruption im Land und die bürokratischen Hürden bei den medizinischen Projekten. Die Erfolge aber, die mit der Arbeit erzielt werden, überwiegen die Frustrationen. Seit den Präsidentschaftswahlen im September 2009 hat sich die Lage weiter verschlechtert. Und dennoch: Schon bis zur Wahl wurden Schulen gebaut und medizinische Einrichtungen gespendet. Mit Hilfe der Stiftung ausgebildete afghanische Ärztinnen können selbstständig weitere Frauen ausbilden. Die Freude der Kinder, die in den letzten Jahren zur Schule gehen durften, kann ihnen nicht mehr genommen werden.

Es gibt viele stille Helden in Afghanistan, die helfen wo sie können, ohne Gegenleistung oder Anerkennung zu verlangen. Man erfährt nichts über sie in der Öffentlichkeit, aber es gibt sie,“ erklärt Elisabeth Wienbeck, als ich ihr meine Vermutung mitteile, dass es wahrscheinlich wenige Menschen gibt, die nach Afghanistan gehen, um dort humanitäre Hilfe zu leisten.

Zu meiner Frage, was ihre Pläne, Befürchtungen oder Hoffnungen für die Zukunft sind, muss sie nicht lange überlegen. Sie kam von ihrem letzten Besuch in Afghanistan hochmotiviert nach Deutschland zurück: Sie wird ihr Engagement in Afghanistan fortsetzen, so lange es möglich ist. Und sie hofft, dass diese Möglichkeit ihr lange erhalten bleibt.

Eindrücke aus Afghanistan mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Wienbeck:

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Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • jasmin sagt:

    Vielen Dank für den eindrucksvollen Artikel, der Hoffnung weckt. Ein Kommilitone von mir arbeitet zur Zeit bei der Nato in Kabul und was er berichtet, lässt manchmal weniger hoffnungsvolle Gedanken zu.



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