Wikileaks, Justin Bieber und die Echokammern des Netzes

Einige der interessantesten Erkenntnisse, die Wikileaks ermöglicht, stammen nicht aus geheimen Dokumenten, sondern aus den Diskussionen, die um die Plattform entstehen. Da sind zum einen die Reaktionen der betroffenen Amtsträger, die das Selbstverständnis des Staates, wie er von den Volksvertretern in Demokratien verstanden wird, verdeutlichen. Clay Shirky hat die notwendige Abwägung von berechtigten Interessen nach Transparenz aber auch nach Geheimhaltung in demokratischen Systemen schön erläutert, John Naughton kommentiert im Guardian, wie das Selbstverständnis von Staat durch Wikileaks in Frage gestellt wird. Zum anderen sind auch die Bürger selbst in die Meinungsbildungsprozesse integriert. Dies geschieht durch die vermittelnde Funktion von Massenmedien, durch die Instanz zwischen Bürger und Staat, die sich gerne vierte Gewalt nennt. Und durch die Äußerungen in den vielen Foren und Publikationsformen, die das Internet bietet. Diese Netzwerke von öffentlichen Meinungsbekundungen werden immer mehr Teil der vierten Gewalt, weil die enthaltenen Informationen von den traditionellen Massenmedien gierig aufgesogen und verbreitet werden.

In den Metadiskussionen um Wikileaks, die sich mit der Rolle der traditionellen Gatekeeper und der Rolle der neuen Medien im Internet befassen, finden sich faszinierende Einblicke in das Strömungsverhalten von Information. Es finden sich Hinweise darauf, wie sozial (ohne e) Medien funktionieren – wie menschliche Filter und Verstärker auf die Botschaften einwirken, die transportiert werden. Rückkopplungseffekte der traditionellen Massenmedien übertragen sich auf den Meinungsaustausch in sozialen Netzwerken und umgekehrt: Zum Thema von öffentlichem Interesse schaffen es Wutspiralen aus deutschen Blogs nicht erst seit dem Aufschrei gegen die „parlamentarischen Zwänge“ der Grünen in NRW, dem neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) zuzustimmen. Die Geschwindigkeit, in der die Blogosphäre Agendasetting betreiben kann, wenn sie ein gemeinsames Thema gefunden hat, ist trotzdem erstaunlich. Die Parteien kamen nicht umhin, sich des Themas JMStV noch einmal öffentlich anzunehmen, weil der Aufschrei binnen Stunden in den Massenmedien widerhallte. Hier zeichnet sich eine Überschneidung der Interessen von Akteuren aus alten und neuen Medien ab, die im Kontrast zum oft postulierten Gegenpol von Bloggern und Journalisten steht.

Die Echokammern aus dem Netz und den Massenmedien verstärken Themen wie Wikileaks, die beide berühren, bis zum Donnerhall. Wenn ein Thema sich mit dem Verhältnis von Staat zu Öffentlichkeit befasst, also per Definition des Staates als Verkörperung seiner Bürger alle angeht, bleibt seine Wirkung trotzdem beschränkt auf die Resonanz, die öffentlich ist, also auf die Informationen aus den Echokammern. Die Information selbst wird durch diesen Effekt auch beeinflusst – spätestens dann, wenn der interpretierende Rahmen, in dem die Information wiedergegeben wird, mit übertragen und verstärkt wird.

Was sind Echokammern?

Wenn eine Information von mehreren Medienproduzenten aufgegriffen und wiedergegeben wird und durch ihre bloße Weiterverbreitung an Gewicht gewinnt, können wir diese Verbreitung mit der „Echokammer“ beschreiben. Falschmeldungen des Boulevards, die sensationalistisch sind, folgen häufig diesem Muster. Keine Zeitung möchte im Wettrennen um die Sensation außen vor bleiben, deswegen verbreiten sie die Meldung häufig weiter, bevor sie den Inhalt einer eingehenden Prüfung unterziehen. Der faktische Wahrheitsgehalt der Meldung steigt durch bloße Wiederholung nicht, aber sehr wohl der gefühlte Wahrheitsgehalt und auf jeden Fall die gefühlte Wichtigkeit. Wenn es alle sagen, muss es ja wohl stimmen. Medienwatchblogs wie Bildblog schöpfen ihre Daseinsberechtigung und Popularität hauptsächlich daraus, diese Vorgänge öffentlich anzuprangern. Dank der niedrigen Kosten des Publizierens im Netz gibt es heute viele neue Medienproduzenten.

Die Echokammer zeichnet sich aber durch eine besondere Gemeinheit aus: Ihre Wirkung wird durch die confirmation bias zusätzlich verzerrt. Diese Selbsttäuschung bringt uns Menschen dazu, verstärkt Informationen zu suchen und wahrzunehmen, die unserer Überzeugung entsprechen. Informationen, die unser Weltbild erschüttern könnten, blenden wir lieber aus. Wir glauben Leuten eher, die unsere Überzeugungen teilen, was dazu führt, dass wir uns Echokammern schaffen, die unsere eigene Überzeugungen ständig auf uns zurück projizieren und weiter verstärken. Ausgerechnet der meinungsstarke Mainstream, zum Beispiel der der deutschen Blogosphäre, nährt gemäß diesem teuflischen Kreislauf ständig seine Illusion, dass er für alle spricht. Zumindest alle vernünftigen Leute müssen doch wie meine Freunde denken, denn die sind ja schließlich das beste Beispiel für den common sense? Abweichende Meinungen haben im Getöse des Gleichklangs kaum eine Chance auf Gehör.

#wikileaks #twitter #zensur

Die neuen Medien mit ihren Analysetools erlauben ganz neue Einsichten in die Verbreitung von Information und das Thema Wikileaks drängt sich für eine Fallstudie über Echokammern geradezu auf. Eine widerhallende Information im Twitternetzwerk lässt sich wunderbar anhand des technischen Hilfsmittel der Hasthags verfolgen, mit einer Raute markierte Schlagworte, die zusammengehörige Informationsströme kennzeichnen. Ein Informationsstrang, der unter den bei Twitter vernetzten Politbloggern für Aufsehen sorgte, war die Tatsache, dass der Hashtag #wikileaks nicht in den trending topics auftauchte, in den aus populären Hashtags automatisch generierten Themenvorschlägen von Twitter. Schnell verbreitete sich die Nachricht, das Unternehmen würde die Themenvorschläge aktiv bereinigen und das Thema #wikileaks aus seinen Vorschlägen herausfiltern. Twitter wurde Zensur vorgeworfen. Wenn in meiner Timeline alle über #wikileaks reden, heißt das doch, dass alle über Wikileaks reden?

Twitter veröffentlichte mehrere Statements, dass es die Themenvorschläge nicht beeinflusse. Dabei ist die Ironie an der Geschichte, dass das Unternehmen seinen Algorithmus absichtlich zur Entschärfung von Echokammern programmiert. Ursprünglich ging es darum, dass die jugendlichen Fans von Justin Bieber, die als Internetnutzer die Zahl und Lautstärke der Netzpolitikmeinungsmacher mittlerweite bei weitem übertreffen, mit ihrem Lieblingsthema nicht alle anderen Themen dauerhaft begraben.

Justin Bieber killt Wikileaks

In der vielfach verlinkten Dystopie Epic 2014 wurde ein Vision der Zukunft entworfen, in der Nachrichten durch den Algorithmus eines Supernetzwerkes von Google und Amazon für jeden Nutzer personalisiert werden. Die vierte Gewalt wird abgelöst von einer Flut an trivialen Empfehlungen des Freundeskreises. Heute gibt es bereits technische Lösungen für die Vision aus dem Video: Der social graph, geknüpft aus den Daten der Verknüpfungen von sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook, kann Informationsströme personalisieren. Themen können anhand ihrer Verbreitung aufgegriffen und vom Algorithmus wiedergegeben werden. Allerdings würden manche Themen in sozialen Graphen, die sich über ein weit verbreitetes Interesse wie Teenageridole definieren, andere Themen schnell überlagern, wenn Häufigkeit der Nennung das einzige Kriterium wäre. Junge Mädchen können sehr, sehr ausdauernd über Justin Bieber reden.

Deswegen versuchen Softwaredesigner ihren Algorithmen Filter anzutrainieren, mit denen allgemeine Relevanz über Freundeskreise und Interessengemeinschaften hinaus erkannt wird. Nur weil ein untereinander stark vernetzter Kreis von Nutzern sich mit fanatischem Eifer auf ein Thema stürzt, bedeutet das nicht, dass allein deswegen dieses Thema von allgemeinem Interesse ist. Es kann vielmehr andere Nutzer nerven, die sich bessere Filter gegen für sie triviale Informationen wünschen. Erst, wenn in einer signifikanten Zahl von  untereinander kaum verbundenen Netzwerkgrüppchen ein Thema schnell verbreitet wird, vermutet der Algorithmus, dass das Thema von allgemeinem Interesse ist. Wenn sowohl Fans von Justin Bieber als auch von Strickmode und solche von Politikdiskussionen über ein Ereignis twittern, ist die Relevanzhürde genommen. Ungeachtet der politischen oder musikalischen Ansichten von Nutzern verbreiten diese zum Beispiel Informationen über Katastrophen weiter, aber auch der Hass auf Montage oder Grüße an den Winter vereinen die Twitternutzer quer durch ihre sonstigen Interessen.

Als Nebeneffekt wirkt das Bemühen um allgemeine Relevanz als technischer Filter für Echokammern. Was für Justin Bieber-Fans die gleiche, bittere Erkenntnis bedeutet wie für Netzpolitikblogger:

Sometimes topics that are genuinely popular simply aren’t widespread enough to make the list of top Trends. And, on occasion, topics just aren’t as popular as people believe. Twitter press release

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • erz sagt:

    Und weil sich die Informationsströme in den Echokammern so rasend schnell verselbständigen gibt es prompt weitere Beispiele, die nachzuverfolgen sich lohnt:
    http://www.netzpolitik.org/2010/shitstorm-auf-easydns/

    Da wäre neben dem Shitstorm vor allem die Frage um das Framing (hier wunderbar doppeldeutig) von Assanges Vergewaltigungsvorladung zu nennen, wo sich Interessenlinien von Frauenrechten mit denen von Transparenzbefürwortern, einer möglichen Weltverschwörung und ganz banalen Fanboys kreuzen.

  • milhouse sagt:

    Interessant, wie eine Presseerklärung von Twitter praktisch nicht hinterfragt wird, während das gleiche Verhalten gegenüber Regierungsverlautbarungen als Naivität verurteilt werden würde.

    Wie erklärst du denn das im von dir verlinkten Phänomen des ewigen Trendens von #oilspill und #inception, auch nachdem die Themen schon ewig auf der Agenda waren?

    Und das dauernd wiederkehrende Trenden von Sportthemen, wenn Begriffe, die nur ein bestimmtes Segment der Twitterklientel interessieren, keine Chance haben?

  • milhouse sagt:

    Ich kaufe ein „Artikel“ vor Phänomen.

  • erz sagt:

    Ich hinterfrage grundsätzlich immer alles. Der Algorithmus, der sich verselbständigt und über Relevanz entscheidet, ist allerdings die plausibelste Erklärung. Plausibler als sinistre Motive für die Moderation von Trending Topics jedenfalls, die von Zensur gleich noch mal Lichtjahre entfernt ist. Wer weiß, Sportthemen sind eben doch über verschiedene Klientele hinweg relevant, da stimmen die Werbesprüche vom Sport, der verbindet. Bayernfans hast du halt überall. Inceptionfans womöglich auch unter Bieberfans – anders vielleicht als Verschwörungstheoretiker und (leider) anders als politisch interessierte.

    Eine weitere, mich bestätigende Perspektive auf das Phänomen kann ich auch noch bieten: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33796/1.html
    Wär ja blöd, wenn ich in meiner eigenen Echokammer keine Bestätigung fände ;-)



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