Wir und die Anderen

An Diskriminierung und einer ihrer Spielarten, dem Rassismus, ist wenig Fremdes. Im Gegenteil: Das Perfide am Rassismus ist seine Menschlichkeit. Jeder Mensch ist Rassist. Denn jeder Mensch kann nicht anders, als seine Umwelt zu diskriminieren. Gefährlich wird es dann, wenn die Natur des Rassismus verkannt oder gar geleugnet wird. Das allerdings geschieht ständig.

Deutsch zu sein bedarf es wenig, schon gar keiner Selbstreflexion oder Leitkultur. Es reicht, zu wissen, wer die Anderen sind.

Wie anders ist es zu erklären, dass Roland Koch voller Empörung den Vorwurf des Rassismus von sich weist, während er gleichzeitig im Wahlkampf dafür wirbt, Jugendkriminalität anhand von ethnischer Zugehörigkeit zu bewerten? Wie sonst kann Kristina Köhler eine „deutschenfeindliche Gewalt von Ausländern gegenüber Deutschen“ herbeireden, die entgegen ihrer Weltsicht von keiner Kriminalstatistik bestätigt wird, und trotzdem überzeugt sein, dass eben diese Weltsicht notwendiger Bestandteil des demokratischen Spektrums und keinesfalls rassistisch sei? Warum sonst sollte eine Schweizer Professorin, mithin eine gebildete Frau, in einem privaten Gespräch über Politik die minarettfreien Eidgenossen vor dem Verdacht des Rassismus in Schutz nehmen und anschließend ungeniert fortfahren:

Aber als wir die Religionsfreiheit eingeführt haben, da ging es um die Christen und die Juden, da war von Islam nicht die Rede.

Diskriminierung bedeutet zunächst einmal „Unterscheidung“. Unterscheidung ist psychologische Grundlage für menschliche Identität, doch der Mensch stellt sich diesem Teil seiner Natur viel zu selten und verbindet unreflektiert die psychologisch reale Unterscheidung von Gruppen mit schädlichen Vorurteilen. Daraus gewinnt Diskriminierung ihren zersetzenden Einfluss. Vielleicht hilft es, sich am folgenden Beispiel einzugestehen, dass menschliches Handeln häufig unwillkürlich ist:

Ein halbkreisförmiger, gepflasterter Weg verbindet Eingang und Ausgang eines Parks, durch den täglich viele Menschen auf dem Weg zu ihrer Arbeit strömen. Der Park besteht aus einer gepflegten Grünfläche ohne Hindernisse. Immer wieder kürzen Menschen den Weg zum Ausgang ab. Niemand hat ein anderes Motiv, als den schnellsten Weg zum Ausgang zu nehmen und doch wirken alle, die den Weg zu diesem Zweck verlassen, an einer gemeinsamen , unwillkürlichen Handlung mit. Sie schaffen einen Trampelpfad, der den gepflegten Rasen durchschneidet. Wenn der Pfad einmal geschaffen ist, folgen auch die weniger eiligen Parkbesucher dem kürzeren Weg.

Eine Gesellschaft ist das Produkt etablierter Machtstrukturen und Rollenidentitäten

Solcher Art sind Strukturen menschlichen Zusammenlebens. Sie entstehen oft zufällig und entwickeln dann eine Sogwirkung, die ihr Bestehen noch verfestigt. Der Feminismus und der Postkolonialismus haben dieses Phänomen beispielhaft anschaulich gemacht. Erst aus dem Willen zur Emanzipation, der Ablehnung von etablierten Machtstrukturen, entstand überhaupt die Erkenntnis um deren Zusammenhänge. Unschuldige Alltagshandlungen zementieren die bestehenden Strukturen von Machtgefügen und Rollenidentitäten. Neben den Profiteuren der bestehenden Machtverhältnisse sind es stets auch die nachteilig Betroffenen selbst, die im Kollektiv unwillkürlich ihre Benachteiligung verfestigen, indem sie Rollenklischees erfüllen, die im Einzelfall einen persönlichen Vorteil bedeuten.

Die hübsche Mitarbeiterin, die ihre Reize statt ihrer Qualifikation betont und damit ihre Karriere kurzfristig dank eines empfänglichen Vorgesetzten beschleunigt, dabei aber bestehende Vorurteile unterschwellig bedient, folgt diesem Muster.  Selbst Angela Merkel, die sich bis heute für ihre Garderobe und ihren Haarschnitt rechtfertigen muss, unterliegt noch als mächtigste Frau der Welt einer patriarchalischen Weltsicht. Bis heute ist den meisten Menschen in Deutschland die strukturelle Dimension von Geschlechterdiskriminierung weitgehend unverständlich. Und das, obwohl eine populäre Bewegung es sich zum Ziel gemacht hat, gegen diese Benachteiligung anzukämpfen. Eine dem Feminismus vergleichbare Bewegung gegen Rassismus und andere Formen struktureller Diskriminierung gibt es bis heute nicht. Da ist es kein Wunder, wenn Ausmaß und Form von Diskriminierung in ihrem schädlichen Einfluss unerkannt bleibt.

Strukturelle Benachteiligung, wie Rassismus, speist sich aus zwei grundsätzlichen Elementen menschlichen Zusammenlebens. Hierarchie und Identität. Wo zwei Menschen aufeinandertreffen, gibt es für jeden Moment ihrer Interaktion eine Balance der Hierarchie. Einer hat mehr Macht als der Andere. Hierarchien sind offensichtlich, wie die zwischen Eltern und Kind, oder auch subtil, wie die zwischen besten Freundinnen. Sie können je nach Kontext wechseln und ganze Gruppen einschließen, aber sie sind immer da. Und sie sind verknüpft mit Identität.

Identität entsteht aus Unterscheidung. Ich oder wir sind nicht wie Leute, die nicht ich oder nicht wir sind. Das sind die Anderen. Die Anderen sind die Abweichung von einem Standard, der keiner weiteren Definition bedarf, der nicht hinterfragt wird. Deutsch zu sein bedarf es wenig, schon gar keiner Selbstreflexion oder Leitkultur. Es reicht, zu wissen, wer die Anderen sind. Damit wird bereits eine Hierarchie etabliert. Das Andere muss sich rechtfertigen, das Eine, die Norm, nicht.

Wenn aus Beobachtungen Verallgemeinerungen werden

Eine weitere psychologische Eigenschaft des Menschen, die Unterteilung der Welt in Kategorien, tut ihr Übriges. Für Kategorien braucht es Eigenschaften. Wir erkennen einen Kreis daran, dass er rund ist. Wir unterscheiden Menschen anhand ihrer Muttersprache, Hautfarbe, ihrem bevorzugten Fußballverein und unzähliger weiterer Eigenschaften. Und für jede Kategorie, die wir auf Andere anwenden, kommen schnell einige Eigenschaften zusammen, die kaum eine Grundlage haben oder wo schlicht falsche Zusammenhänge hergestellt werden. Hier begegnet uns noch ein Fallstrick des menschlichen Geistes. Wir ziehen voreilige Schlüsse. Alle Schwäne sind weiß. Alle Neger sind schwarz. Alle Ausländer sind faul und wollen uns die Arbeitsplätze wegnehmen.

Wie sehr solche Klischees psychologische Realität werden, zeigen einfache Versuche. Schwarze Studenten wurden in Amerika zum Vergleich in zwei Situationen auf ihre Rechenfähigkeit getestet. Einmal wurden sie ohne besondere Vorbereitung getestet und einmal in einem Umfeld, in dem sie von der Versuchsleitung mit Stereotypen über die akademische Unzulänglichkeit von Schwarzen konfrontiert wurden. Die Studenten schnitten schlechter ab, wenn sie vor dem Test an ihre Ethnie erinnert wurden, weil sie schwarzen Studenten, genau wie jeder andere Rassist, weniger zutrauten.

Auf der anderen Seite können sich die gleichen Stammtischbrüder, die Angst vor Überfremdung haben, mit ihrem türkischen Taxifahrerkollegen solidarisieren. Das ist ja unser Ali, der ist nicht wie die anderen Ausländer. Die wollen wir lieber nicht hier haben. Ali nickt und schweigt, damit er seine Rolle als exotisches Mitglied der Gruppe nicht gefährdet. Der ehemalige Steinewerfer und überzeugte Bildungsbürger prahlt mit seiner Weltoffenheit, wenn er seine Tochter mit Ausländerkindern spielen lässt. Aber den Türkenjungen heiraten, das muss dann doch nicht sein. Der Junge mit ghanaischem Vater, der in Deutschland aufgewachsen keinem afrikanischen Einfluss als dem seiner Gene ausgesetzt war, lässt sich eigens für seine Bewerbung bei einem Musiksender Rastalocken drehen, weil Exotik ein gewünschtes Merkmal ist. Er erfüllt ein Rollenklischee, das gar nicht seiner deutschen Identität entspricht und beschwert sich hinterher bei seinen Freunden über Rassismus in Deutschland. Wir alle sind Rassisten. Ist es nicht besser, sich selbstkritisch mit diesem Schatten auf unserer Seele auseinanderzusetzen, als ihn zu leugnen?

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • Ja – genau so isses! Und wenn uns ein anderes Wort einfällt, um das Phänomen zu beschreiben, wäre es vielleicht gut. Denn die Signalwirkung des Rassismusbegriffs scheint eher von diesen allgemeingültigen Mechanismen abzulenken, weil zu erschrecken, als zur Selbstreflexion einzuladen. Das idaev.de beschäftigt sich exemplarisch mit einzelnen Aspekten von Rassismus und dort heißt es nicht umsosnst, dass der Anmahmer von rassistischen Strukturen immer noch mehr Empörung auslöst, als der ganz alltägliche Rassismus selbst. Wer subtile, unbewusste, also nicht kontrollierte Denk- und Handlungsmuster eingestehen würde, glaubt vielleicht, damit dem Stand der Aufklärung zu widersprechen – das Gegenteil ist der Fall.
    Danke für diesen Beitrag!

    • erz sagt:

      Nun ja, ganz so einfach ist es leider nicht. Ich habe hier bewusst eine zugespitzte Uminterpretation des Rassismusbegriffs vorgenommen, damit im Kontext dieser Seite ein wohlgesonnener Leser seine eigene Wahrnehmung von Rassismus und Diskriminierung überprüfen kann. Damit versuche ich tentativ, Konzepte wie „othering“ aus sehr speziellen, wenig zugänglichen, wissenschaftlichen Diskursen in eine zugänglichere Form zu bringen. Deswegen bin ich aber nicht dafür, den Rassismusbegriff durch ein anderes Wort zu ersetzen. In anderen Kontexten schafft er erst die notwendige Trennschärfe. Wenn ein Konzept nicht verstanden wird, hilft es nicht, ihm einen neuen Namen zu geben.

      Rassismus wird im Alltag nun einmal als ideologischer Kampfbegriff zur wechselseitigen Diffamierung eingesetzt, da halte ich es in anderen Kontexten für absolut kontraproduktiv, zu dieser Polarisierung auch noch aktiv beizutragen. Insbesondere wenn Rassismus, wie im Fall des Polizisten, der ohne zureichende Information vor die undankbarste aller Aufgaben gestellt war, auf wen er schießen soll, zum Vorwurf gemacht wird, dient das wohl kaum einer Begriffsklärung. Noch dazu, wenn der Vorwurf in einem sehr voreingenommenen Umfeld (sic!) geäußert wird, das kaum eine andere Interpretation als spalterische Polemik zulässt. Verständigung sieht in meinen Augen anders aus.

      Ihre persönlichen Erfahrungen aus dem Fall Marwa el Sherbini würden mich dazu brennend interessieren, insbesondere, ob Sie die anschließenden Entwicklung als Lernprozess begreifen und daraus neue Erkenntnisse ableiten. Außerdem wüsste ich gern, wo nach Ihrem Selbstverständnis die Grenze zwischen ideologisch motivierter Agitation und Aufklärung verläuft. Ein Dilemma, das zu lösen den Feminismus bis heute plagt.

      Besten Dank für Ihr Interesse und die uns erwiesene Aufmerksamkeit.

  • Manfred sagt:

    Ist es möglich, dass Sabine mit dem „anderen Wort“ nicht auf den Rassismus-Begriff abzielte, sondern auf die von Dir selbst zu Benamsung aufgeforderte Gegenbewegung, ähnlich wie beim Feminismus als Gegenbewegung gegen Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung? Sowas wie „Egalitarismus“ [fiel mir eben so ein]. Damit man nicht auf Leute zugehen muss mit dem Anwurf „Sie sind ja Rassist!“, sondern mit der deeskalierenden Formel „Lassen Sie uns das Ganze doch etwas egalitaristischer angehen!“.

  • Doch ich meinte schon den Begriff Rassismus, aber es spricht in der Tat einiges dafür, den (auch für die breite Öffentlichkeit) zu klären statt zu umgehen – angesichts der Tatsache der fehlenden Menschenrassen sowieso… Ich hatte es mal eine Weile mit dem Begriff Diskriminierung versucht, aber der ist zu aktiv. Es geht ja gerade um unreflektierte Muster. Dazu gibt es von der EU übrigens eine schöne Broschüre, die mehrere Kategorien der von Rassismus betroffenen visualisiert (besonders Seite 6 gefällt mir daraus) – es heißt „Ich – Rassist?“ und ist z.B. hier zu finden: http://ec.europa.eu/publications/archives/young/01/txt_whatme_racist_en.pdf

  • maks sagt:

    Ich hatte mal ein kurzes Gespräch mit einem Musiker aus Südafrika gehabt. Er erzählte mir eine Geschichte: Nach einem Konzert in Deutschland wurde ihm eine Unterkunft bei einem katholischen Pfarrer zugeteilt. Der Percussionist lebt schon seit mehreren Jahren in Deutschland und hat seine Meinung über den konservativen Bürger gebildet, welcher in der Idee eines katholischen Pfarrers seiner steriotypischen Form sicherlich gerecht wird. Der Gast und der Gastgeber kannten sich nicht. Beim Betreten der Wohnung war die Meinung meines Bekannten sofort ausgehärtet. Das biedere Domizil eines Bürgers, braune Töne, ein Hirschgeweih an der Wand ließen tief in die Seele des Pfarrers blicken. Nach einem Kurzen Intermezzo mit Kaffee und Kecksen (wie typisch!), nachdem er erfuhr dass sein Gast ein Musiker ist, bot der Gastgeber meinem entmutigten Bekannten seine Schallplattensammlung anzusehen. Oh nein, gleich wird es unerträglich, Schlagermusik! dachten der Percussionist. Die Verwunderung war groß und ließ das ganze Gebilde seiner ausgehärteten Kategorien wie ein im Staub sich auflösender Golem zerspringen. Der Pfarrer besaß eine seltene Schallplatte von Fela Kuti, dem Begründer des Afrobeats.

    ….soviel zu Steriotypen



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